4. Weil du bist

 

 

In dem vergangenen Satsang haben wir gesehen, wie die Identifikation mit der Vorstellung zu einer Einengung des Bewußtseins führt. Das Ergebnis ist eine geistige Verspannung, die sich als eine körperliche Verspannung fortsetzt.

 

Dabei ist diese Verspannung gleich in einem jeden Menschen. Sie mag sich mehr oder weniger heftig äußern, doch ändert das nichts daran, daß es sich immer um die gleiche Verspannung handelt.

 

Das Ich ist nichts anderes als eine Blockade unserer Lebensenergie, und diese erleben wir als eine körperliche Verspannung. In diesem Moment bist Du Dir Deines Körpers bewußt. Dabei erlebst du Deinen Körper nur über die Verspannungen, die da sind, weil Du glaubst, ein Ich zu sein.

 

Löst sich das Ich auf, schwindet die körperliche Spannung dahin. Damit löst sich auch das allgemeine Körperempfinden auf. Was sich einstellt, ist ein wohliges Fließen, das keine Grenzen kennt. Ein Überfließen ist das, in eine Welt, mit der man sich so tief verbunden weiß.

 

Stellt sich das Ich wieder ein, kehrt die körperliche Spannung zurück. Damit lebt erneut die Empfindung von einem Körper auf, der Umrisse, der Grenzen besitzt, der einer Welt gegenübertritt, die ganz anders ist.

 

Auf einer subtileren Ebene erleben wir das Ich als eine mentale Verspannung, die in der Gegend des physischen Gehirns angesiedelt ist. Dabei mag diese Verspannung mal hefitger, mal schwächer sein. Doch von ihrer Natur her ist es eine Verspannung, die wir in gleicher Weise bei einem jeden Menschen wiederfinden, der glaubt, ein Ich zu sein.

 

So ist mein Ich auch Dein Ich. Es ist das Ich eines jeden Menschen. Doch macht uns das Ich glauben, daß es sich von dem Ich der anderen Menschen unterscheidet. Das liegt daran, daß wir dem Ich einen gedanklichen Inhalt geben.

 

Sind wir doch als Ich mit all den persönlichen Eigenschaften identifiziert, über die wir uns von den anderen Menschen zu unterscheiden suchen. So binden wir uns an all diese Vorstellungsbilder, während wir glauben, daß unser Ich von dem Ich der anderen Menschen unterschiedlich ist.

 

Doch ist das Ich selber kein Vorstellungs-, kein Gedankenbild. Dabei spricht man immer von dem Ich-Gedanken, der sich auflösen muß. Tatsächlich sprechen alle großen geistigen Lehrer von dem Ich-Gedanken, der dahinschwinden muß. Doch ist das Ich kein Gedanke.

 

Das mag folgende einfache Beobachtung zeigen. Die Natur des Gedankens ist vorübergehend. So blitzt das Gedankenbild auf, um sogleich zu vergehen, während sich ein neuer Gedanke in das Bewußtsein stellt. Doch ist das Ich in uns anwesend während der ganzen Zeit des Wachbewußtseins.

 

Des Morgens stehst Du auf, wäschst Dich, ziehst Dich an. Dabei hast Du die Empfindung: Ich stehe auf, ich wasche mich, ich ziehe mich an; und so geht es weiter durch den lieben langen Tag. Immer ist da dieses Ich, um all Dein Tun und Lassen zu begleiten.

 

Der Gedanke vergeht, das Ich aber bleibt, so kann dieses Ich kein Gedanke sein. Dabei kann man "ich" sagen oder denken. Dann ist das sicherlich ein Gedanke. Doch ist das Ich da, ohne daß man dieses benennt, so daß das Ich selber kein Gedanke ist.

 

Auch ist das Ich kein Gefühl, keine Empfindung. Im Gefühl ist das Bewußtsein auf etwas gerichtet, was es nicht ist, auf die Rose, deren Anblick uns erfreut, auf den herbstlichen Wald mit seinen bunten Farben. Als Ich aber ist das Bewußtsein sich selber zugewandt.

 

Das Ich ist nicht das Fühlen, welches in uns auflebt, wenn wir uns der Welt zuwenden. Das Ich ist vielmehr ein Sich-fühlen, welches auflebt, während wir uns uns selber zuwenden. Ein Sichfühlen ist das, welches sich in Wendungen spiegelt wie: Ich ärgere mich, ich freue mich, ich hasse mich, ich liebe mich.

 

Dabei fühlen wir uns mal besser, mal schlechter; so sagen wir, ich fühle mich gut, ich fühle mich schlecht, und wir sagen es, um dieses Ich zu bezeichnen.

 

So ist dieses Ich ein Sichfühlen, welches eine Blockade der Lebensenergie ist. Da ist nur eine Verspannung, über die man sich als Ich fühlt, und das ist ein Phänomen, welches wir bei allen Menschen in gleicher Weise wiederfinden. So ist da eine gleiche Blockade, ein gleiches Sichfühlen bei einem jeden Menschen.

 

Dabei geschieht der Vorgang, über den sich das Ich in die Seele stellt, unbewußt. So glauben wir, daß sich unser Ich von dem Ich der anderen Menschen unterscheidet. Hebt sich aber der Vorgang in das Bewußtsein, sehen wir sogleich, daß das gleiche Ich in einem jeden Menschen lebt.

 

Stellen wir uns dafür folgende kleine Episode vor die Seele. Da sagt der Chef Bossy zu seinem Angestellten Micky: "Ich muß Ihnen ein Kompliment machen, Herr Micky. Sie sind wirklich ein fähiger Mitarbeiter." Nun besitzt diese Aussage eigentlich einen neutralen Stellenwert. Micky kann sich selber nicht mit "Sie" anreden. Nur Bossy kann ihn als ein "Sie" bezeichnen. Nur für den Chef ist Micky eine andere Person, ein Gegenüber. Für sich selber kann Micky keine andere Person, kein Gegenüber sein.

 

Doch Micky sieht nicht, was so sonnenklar auf der Hand liegt; denn hungrig ist der Mensch nach Liebe, hungriger noch nach Liebesersatz in einer Welt, in der es die Liebe kaum gibt. So verwandelt Micky die Aussage "Sie sind fähig" sogleich in die Festellung "Ich bin fähig", und er merkt nicht, wie dieses geschieht.

 

So fühlt sich unser Micky nun ganz großartig. Aber wielange noch so? Am nächsten Tag kommt der Chef, um ihm zu sagen, was für ein lausiger Angestellter er ist, weil er diese Sache verpatzt hat, die Sache mit den Großaufträgen.

 

Ja, da fühlt sich unser Micky sogleich ganz niedergeschlagen. Doch eine Woche später, als ihm der Chef vertraulich, freundlich zuzwinkert, so wie man nur seinen lieben Freunden zuzwinkert, da fühlt sich unser Micky wieder ganz prächtig.

 

So können wir uns als Ich überschwenglich, beschwingt, zu Tode betrübt fühlen, mit allen Abstufungen, die dazwischenliegen. So ist dieses Sichfühlen eine immer gleiche Welle, die durch einen jeden Menschen fließt, der glaubt, ein Ich zu sein. Eine gleiche Welle ist das, die sich in einem jeden Menschen senkt und hebt, während ein gleiches Sichfühlen, ein gleiches Ich in ihnen allen lebt.

 

Deshalb kannst Du nun folgende Übung machen. Setz oder leg Dich hin, warte bis eine gewisse Entspannung eingetreten ist. Dann laß vor Deinem geistigen Auge einen Menschen erscheinen, aber einen, den Du magst. So geht es mit der Übung zunächst leichter. Nun sag zu diesem Menschen nicht "Du", sondern sag "Ich" zu ihm. Nun, wie fühlt sich das an? Was tut sich da bei Dir?

 

Betrachte nun einen Bettler, wie er am Rande der Straße sitzt mit seinen schorfen, blutenden Händen. Sag "ich" zu dem Bettler und schau, wie sich das anfühlt.

 

Stell Dir nun einen Menschen vor, den Du gar nicht magst, der auch Dich nicht mag. Du kannst die Übung ausmalen, indem Du Dir vorstellst, wie er die Hand in Zorn gegen Dich erhebt. Sag "ich" auch zu diesem Menschen, schau wieder, wie sich das anfühlt.

 

Betrachte nun das wogende Meer der Menschen, wie es über die lärmenden Straßen der Stadt zieht. Sieh, wie das gleiche Ich in einem jeden von ihnen ist.

Immer ist da das gleiche Ich. So ist da kein Du mehr, von dem sich das Ich getrennt findet. Also ist da - so mag Dich der Blitz der Erkenntnis treffen - kein Ich.

 

Wenn das Ich dahinschwindet, leuchtet das Selbst auf, das Friede, das Stille ist. Das muß so geschehen, weil das Selbst immer dort ist, wo das Ich nicht ist. Durchschaut doch das Bewußtsein die Illusion ein Ich zu sein, um sich seiner selbst bewußt zu werden.

 

Ein reines Fühlen ist das, das auflebt, um das Sichfühlen abzulösen, diese wogende Lebensstimmung, auf der wir nicht mehr reiten. "Denn das unterscheidet die Götter von den Menschen, daß viele Wellen vor jenen wandern. Uns hebt die Welle, verschlingt die Welle, und wir versinken," sagt Goethe dazu.

 

Doch man muß nicht ein Gott sein, um diesen Zustand zu erfahren. Man muß nur die Illusion des Ichs durchschauen, denn eine Illusion, die sich ins Bewußtsein hebt, hat sich schon aufgelöst.

 

Die Erfahrung des Selbst, die aufleuchtet, ist gleich in einem jeden Menschen, weil es nur das eine reine Bewußtsein gibt, das sich erfährt. Da ist nur das eine Selbst, das durch die Augen der Menschen blickt.

 

Doch wenn es sich im Worten und Gesten ausspricht, sich in Gedanken, Taten offenbart, geschieht das auf ganz eigene Art, in einem jeden Menschen.

 

Doch wir können es nicht sagen, worin das Wesen dieses bestimmten Menschen begründet liegt. Das liegt daran, daß das Individuelle unwiederholbar, einzig in der Schöpfung ist. Wenn wir Sprache gebrauchen, dann vergleichen wir, und wir können nicht das, was einzig ist, mit einem andern Einzigen vergleichen, weil das Einzige, immer nur das Eine und kein Anderes ist.

 

Wenn Du zu Deinem wahren Wesen erwachst, fließen alle Kräfte frei, von innen her, um sich dem Leben zu geben. Eine jede Eigenschaft aber, mit der Du Dich identifizierst, bedeutet Begrenzung und Stau.

 

Da hast Du die Vorstellung von Dir, intelligent, erfolgreich, angesehen, geachtet, geehrt, beliebt zu sein. Dann bist Du wieder mit einer Palette von Vorstellungen identifiziert, die das genaue Gegenteil beschreiben, meist wohl mit einer Mischung von beiden, wie es den meisten von uns geht.

 

Betrachtest Du diese Vorstellungen näher, dann wirst Du sehen, daß diese stets aus einem Vergleich leben. Immer bist Du identifiziert mit einem Mehr oder Weniger, einer inneren Skala, auf der Du die Menschen aufgereiht hast, während Du den einen über dem anderen, unter dem anderen stellst.

 

So bist Du intelligent, weil der andere dumm ist, und wenn alle Menschen erfolgreich, angesehen wären, dann wäre es keiner mehr, auch Du nicht. Es geht Dir um den Vergleich, geht Dir darum, mehr zu sein, etwas Besseres zu sein, als der andere es ist.

 

Doch Du bist nicht ein Mehr oder Weniger. Du bist ganz einfach, und dieses "Du bist" findet seinen einmaligen Ausdruck in der Welt.

 

Da gibt es niemanden, der die Hände so bewegt, wie Du es tust, niemanden, dessen Empindungen sich so in Ton und Rhytmus der Stimme hinausmalen. So trägt alles an Dir seine ganz eigene seelische Färbung.

 

Da ist der Glanz, der in Deinen Augen wohnt, der Kunde bringt, von dem, was Du bist, was durch Dich lebt, wie es nur durch Dich leben kann; da ist die Traurigkeit, die sich um Deine Lippen malt, und niemand ist traurig, ganz so wie Du es bist.

 

Doch Du glaubst ein Mehr, ein Weniger zu sein. Das ist der Vergleich, der Deine Schönheit zu einer häßlichen Fratze verzerrt, weil er künstlich, weil er tot ist, und das Tote das Leben enstellt.

 

Ich staune Dich an, weil Du Mensch bist, weil Du unwiederholbar bist, ich möchte es immer wiederholen. Da ist nur das Eine, das Du bist, und wo nur das Eine ist, da kann kein Zweites sein, an dem man Dich messen könnte.

 

Kein Wort in keiner Sprache der Welt kann sagen, was Du bist; denn Du bist nicht die Vorstellung, die Du von Dir hast. Du bist nicht dieser oder jener Mensch. Das heißt ganz einfach: DU BIST.

 

Wenn Du Dich aber an diese Gedankenbilder hältst, blickst Du nur auf die äußere Umrandung, auf dieses Mehr oder Weniger also. Daran erlebst Du Dich, während ein Sichfühlen auflebt, das man in einem jeden Menschen wiederfindet, in gleicher Weise.

 

Eine gleiche Welle ist das, die Dich durch die Höhen und Tiefen des Lebens trägt. So hebst Du Dich, senkst Du Dich auf der Woge Deiner Lebensstimmungen. Dabei bist Du immer mit einem Tropfen auf dieser Welle identifziert, ein Tropfen auf dem Wellenberg, wenn die Gefühle hochschlagen, ein Tropfen im Wellenbtal, wenn Dich die große Traurigkeit umfängt.

 

Doch wenn Du zurücktrittst von diesem Ich, diesem Sichfühlen, siehts Du, daß da nichts als eine gleiche Welle ist, die durch einen jeden Menschen wogt. Die Euphorie ist schon die Traurigkeit, in die sie sich öffnet. Der Wellenberg ist schon das Wellental, in das er niedersinkt, um sich erneut zu heben.

 

So schaust Du nun keine isolierten Höhen und Tiefen mehr, Du siehst nur die Bewegung einer gleichen Welle, die sich schon immer in einem Wellenberg, in einem Wellental befindet. So beginnt sich die Lebenswoge zu glätten, um sich in den Ozean zu weiten, der in seiner Tiefe ruht und schweigt.

 

 

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