3. Von der Lehre in die Leere

 

 

Die Beobachtung zeigt, daß im Wachzustand eine ständige Flut der Vorstellungen durch das Bewußtsein zieht. Ungebeten kommt der Gedanke, um sich in der Seele einzufinden; er weicht nur, um einer anderen Vorstellung Platz zu machen, die sich schon stürmisch an den Pforten des Bewußtseins drängt. So ist da der Gedanke, der dem Gedanken folgt, immerfort, immerzu.

 

Dabei findet sich das Bewußtsein von der Flut der Gedankenbilder überschattet, so daß es nicht zu seiner wahren Natur zu erwachen vermag.

 

So wissen wir nicht, was das Bewußtsein ist. Wir sind davon überzeugt, daß es dieses gibt. Was dieses aber ist, ist uns ein Rätsel, und da es für uns verborgen liegt, fragen wir danach. Tausend Fragen stellt der Mensch, die alle nur das eine ergründen wollen: Was ist Bewußtsein?

 

Doch mit Worten kann man nicht sagen, was das reine Bewußtsein ist. Worte gehören dem Reich der Unterscheidung an, die das eine an dem anderen mißt. Sie haben keine Bedeutung für den Zustand des Selbst, das sich über die Welt der Relativität erhoben hat.

 

Wir können zwar sagen, daß es sich hier um das absolute Sein handelt. Doch damit haben wir nicht gesagt, was dieses Absolute ist. Vermögen wir doch das Absolute nur im Gegensatz zu dem Relativen der Welt zu denken. Damit mißt Es sich aber an den relativen Erscheinungen, den Gedankenbildern des Lebens. So erfährt das lichte Sein den Sturz in die (Gedanken)schatten der Welt.

 

Wir können nicht mit Gedanken nach dem Bewußtsein suchen, weil es schon da ist, ganz bei uns ist. In unseren Vorstellungen treiben wir immer fort, weg von dem, was ist. Und das Bewußtsein IST, ist reines Sein. In jedem Augenblick unseres Lebens, in jedem Gedankenbild, jedem Atemzug ist es da.

 

Wir müssen uns von dem Gedanken abwenden, um uns ganz dem zuzuwenden, was wir selber sind, und wir sind das reine Sein, sind das Selbst. Das Namenlose, das viele Namen hat, sind wir.

 

Im Wachbewußtsein sind wir uns also immer eines Gedankens bewußt. Wenn sich die Erfahrung des Selbst auftut, ist sich das Bewußtseins seiner selbst bewußt. Während Es seiner selbst gewahr ist, kann es sich gleichzeitig einer Vorstellung bewußt sein. Wenn es sich auf ein Gedankenbild richtet, findet es sich nicht von diesem überschattet. Fest ruht es in sich, während die Gedanken an ihm, unter ihm vorbeiziehen.

 

Wir alle sind auf der Suche nach einem immer höheren Glück. Dies Gesetz bestimmt all unser Tun und Lassen, einen jeden Atemzug. Je feiner nun der Gegenstand des Bewußtseins ist, desto größer ist das Glück, das er spendet. Der subtilste Gegenstand aber, dem man sich zuwenden kann, ist das Bewußtsein selber. Deshalb spendet die Erfahrung auch das größte Glücklichsein.

 

Während die Seele in dem reinen Bewußtsein weilt, gibt es nichts in der relativen Welt, das sie in seinen Bann ziehen könnte, nicht die schönste Landschaft auf Erden, nicht die himmlischste Musik, auf irdischen Instrumenten gespielt, nicht die Umarmung der begehrenswertesten Frau. Alles dieses zieht über die Leinwand des Bewußtseins, während dieses in sich ruhen bleibt. Das ist der Mensch zweier Welten, einer absoluten und einer relativen Welt.

 

In einem noch höheren Zustand beginnen die zwei Reiche ineinanderzufließen, während wir zu der Einheit allen Lebens erwachen, so wie ich das in der Schrift "Wandelstufen des Be-wußtseins" zu zeigen versuchte.

 

Doch ist es schon viel zu der Erfahrung des Seins, des Selbst aufzusteigen, das sich noch als getrennt von den relativen Erscheinungen der Welt erlebt.

 

Nun können wir in den gesegneten Zustand nicht eingehen, solange wir ein Sklave der Gedanken sind, die rastlos durch unsere Seele ziehen. Die Tätigkeit des Vorstellens rührt von einem inneren Ungenügen her. Nie sind wir im Wachbewußtsein wirklich zufrieden mit uns selber, mit der Welt, in der wir leben. So wollen wir dieser entfliehen, um uns in die Scheinwelt zu begeben, die uns die Gedanken vor die Seele zaubern.

 

Dabei haben wir den Zustand des Ungenügens, in dem wir uns befinden, selber geschaffen. Wir selber haben das innere Ungemach hervorgerufen, haben an der Knechtschaft, an dem Gefängnis gebaut, aus dem wir zu entfliehen suchen.

 

Unsere wahre Natur ist reines Bewußtsein, das Seligkeit, das unbegrenzte Freiheit ist. Doch wir haben die Fesseln dieser Selbstbilder um uns gelegt, um uns in die Sklaverei zu begeben.

 

Da wollen wir, zum Beispiel, beliebt, geachtet, erfolgreich in den Augen der anderen Menschen sein. Deshalb richten wir unsere Gedanken und Taten so ein, daß diese die Anerkennung unserer Mitmenschen erwecken.

 

So sind es diese Gedanken, diese gesellschaftlichen Werte, die uns ohne Unterlaß kontrollieren und bewachen. Deshalb findet sich der freie Lebensfluß in die engen Bahnen der Vorstellungen gelenkt, mit denen sich das Bewußtsein identifiziert.

 

Der Mensch glaubt angesehen, überlegen, minderwertig zu sein, das heißt, er meint dieser bestimmte Mensch zu sein, der diese oder jene Prädikate besitzt. Daraus ergibt sich seine gesellschaftliche Rolle, seine persönliche Identität, die er mit dem Wörtchen "ich" bezeichnet.

 

Da gibt es eine wachsende Reihe von Eigenschaften, an die wir uns binden, während wir durch das Leben schreiten. So sind da die Vorstellungen, edel, verlogen, zielstrebig, geizig, ehrgeizig, neurotisch, erotisch zu sein. Diese ganze Palette von Tugenden und Untugenden, Vorzügen und Schwächen ist das, welche die menschliche Gesellschaft auf uns projiziert, Tag für Tag, von Augenblick zu Augenblick.

 

Dabei trifft ein jedes neue Gedankenbild, mit dem wir uns identifizieren, auf die Konzepte, die bereits in uns liegen. Auf dieses ganze Heer von Vorstellungen trifft es, die sich im Laufe der Zeit bei uns eingenistet haben, um ihre Netze zu spinnen, mit Gedankenfäden, die ineinanderlaufen.

 

Die Vorstellungen mögen in der Tiefe ruhen bleiben. Sie mögen an die Oberfläche des Bewußtseins treten, um ihr wahres Gesicht zu zeigen. Sie mögen in fremden Gewändern aufmarschieren, allein, in Verbindung mit anderen, entstellt, verzerrt, geschminkt, frisiert, halbiert, kastriert.

 

Doch welcher Art diese Gedankenbilder auch sein mögen, sie alle sind dazu angetan, uns zu bewachen und zu kontrollieren, uns in Fesseln einzuschnüren, während sie die Empfindung "Ich" weiter nähren.

 

Dabei findet sich die bewußte Kraft um so mehr geschwächt, je stärker wir uns an diese Gedankenbilder binden. Das sahen wir bereits in dem letzten Satsang, als wir uns vorstellten, wie wir in diese Abschlußprüfung gehen.

 

Je mehr wir also die anderen beeindrucken wollen, desto einfaltsloser erscheinen wir. So fangen wir an, zu erröten, zu stottern, und wenn wir uns ganz inständig bemühen, fällt uns schließlich gar nichts mehr ein.

 

Wir wollten zeigen, wie überlegen, wie toll, wie besonders wir sind. So haben wir all unsere Aufmerksamkeit auf diese Vorstellungsbilder, auf uns selber also gelenkt. Damit hat sich alle Energie in dieses Ich gebunden, so daß sich die Lebenskraft gehemmt findet und blockiert.

 

Doch gibt es auch die umgekehrte Situation, in der wir uns ganz selbstvergessen, das heißt, ichvergessen einer Aufgabe hingeben. Da sprudeln uns die Ideen, die Gedanken nur so zu, weil da nicht dieses Ich ist, das den Strom des Denkens verstellt.

 

So ist das Ich einer steinernen Klippe gleich, die sich in den Fluß des Lebens stellt. Eigentlich will dieser nur frei aus der eigenen Quelle fließen, um sich in das ewige Meer zu ergießen. Doch findet er sich an der steinernen Wand gebrochen, um sich in einer fremden Richtung weiterzuzwängen.

 

Wir aber meinen, daß das Ich der Urquell all unseres Handelns ist. Dabei trägt unser Sprachgebrauch dazu bei, diesen Trugschluß in stets neuer Weise zu nähren.

 

So sagen wir: Ich spiele, ich denke, ich arbeite, ich habe dies gemacht, ich habe jenes vollbracht. Damit sieht unsere Sprache das Ich als die unverbrüchliche Grundlage, die Ursache all unserer Gedanken und Taten an. So ist sie stets dabei, die Illusion des Ichs zu bestätigen, zu erhalten.

 

Dabei geschieht der Vorgang, über den wir uns identifizieren, naturgemäß unbewußt. Würde sich doch niemand gezielt diese gesellschaftlichen Ketten umlegen, um sie gar als Urquell seiner Taten zu propagieren. Das aber heißt, die Illusion des Ichs vermag nur solange fortzuleben, als sie als solche nicht erkannt ist.

 

So gehen wir in den Satang, um dieses Ich in das Bewußtsein zu heben, um es schließlich aufzulösen, einer Fata Morgana gleich, die sich als Trug entpuppt und dann in Luft verpufft.

 

Der Mensch aber, der sich nicht mehr durch diese Selbstbilder, durch dieses Ich eingeengt findet, lebt aus einer Freiheit, die grenzenlos ist, während er sein wahres Selbst erfährt. So vermögen sich seine individuellen, seine persönlichen Kräfte ganz frei zu entfalten.

 

Je mehr wir uns aber mit den gesellschaftlichen Werten, mit all den Vorstellungsbildern identifizieren, desto mehr findet sich unsere Persönlichkeit geschwächt und gelähmt.

 

So befinden sich das Ich und die Individualität des Menschen im Widerspruch zueinander. Zwei Werte sind das, die zueinander in einem umgekehrten Verhältnis stehen.

 

Je mehr von dem einen da ist, desto weniger ist da von dem anderen. Je stärker die Ichempfindung ist, desto schwächer ist die Persönlichkeit, die Individualität des Menschen. Die Gleichung, beziehungsweise Ungleichung, stimmt perfekt.

 

Du bist reines Bewußtsein, bist bereits die Freiheit, das Glück, welches Du ersehnst. Doch willst Du die Freiheit als Ich erleben. So bindet Du Dich an das Vorstellungsbild, welches all Deine Gedanken und Taten bewacht.

 

Dieses Wort darfst Du noch sagen, jenes nicht mehr. Sie könnten denken, Du seist dumm, arrogant oder liederlich. Und nie zu impulsiv, zu laut gesprochen, auch nicht zu sanft oder zu leise, nur immer so wie es der Konvention entspricht, an der sich der freie Fluß des Lebens bricht.

 

Das Ich kann nicht handeln, ist impotent. Doch gerade weil es machtlos ist, sucht der Mensch als Ich das Leben zu überwachen, zu kontrolieren. Vielleicht möchte er die Karriereleiter nach oben steigen, um sich als anerkannt, mächtig zu fühlen. So ist er ständig dabei, seinen Herrschaftsbereich auszuweiten, um dieses Ich in seiner Autonomie zu bestätigen.

 

Je mehr Du Dich jedoch mit einem Selbstbild identifizierst, desto abhängiger bist Du von diesem. Und je mächtiger Du Dich fühlen möchtest, desto mehr mußt Du tun, um das Selbstgefühl der Macht zu erhalten.

 

So willst Du Sicherheit finden und fühlst Dich doch immer unsicher, was Dein Verlangen nach Schutz und Geborgenheit um so größer macht.

 

So magst Du immer engere Bande zu Deinen Freundescliquen stricken. Doch sind das nichts als Machenschaften, in die sich Dein Leben immer mehr verwebt. Du willst ganz frei leben und walten. Doch findest Du Dich in einem Netz sozialer Beziehungen gefangen, aus dem Du kaum noch zu entrinnen vermagst. Du wolltest zum Herrn des Lebens werden, doch bist Du zu dessen Sklaven geworden.

 

Du meinst als ich das Leben zu beherrschen, doch wirst du immer nur von diesem geknechtet. Und je mehr Du aus der Sklaverei zu entweichen sucht, desto tiefer gerätst Du in die Knechtschaft.

 

So suchst Du Sicherheit und erfährst Unsicherheit, während Du auf den Wogen der Gedankenbilder auf- und niedersteigt. Du willst Freiheit und erlebst Unfreiheit, während Du Dich noch tiefer in das Gefängnis Deines Selbstbildes verschließt.

 

Du willst das Leben beherrschen und wirst von diesem beherrscht, während Du dich dem Diktat der gesellschaftlichen Meinungen unterwirfst.

 

Du bist reines Bewußtsein, Du bist Seligkeit, bist Liebe, die frei fließt. Doch Du willst das Glück als Ich verwirklichen. So willst Du die Freiheit und Liebe finden, indem Du diese von Dir weist.

 

Ein Neurotiker ist ständig dabei, ein unlösbares Problem zu lösen. So ist er, zum Beispiel, fortwährend bemüht, die Liebe zu finden, die Vater und Mutter nicht geben konnten oder wollten. Da mag er sich mit Titeln, mit Reichtümern, mit ganzen Freundesheeren umgeben, immer in der Hoffnung, doch noch die Liebe zu finden, die er so schmerzlich entbehrt.

 

Doch ist das ein auswegloses, ein hoffnungsloses Unterfangen. Dabei sehnen wir uns im Grunde alle nach einer Liebe, die immer währt. Und immer ist sie da, diese Liebe, welche die Erfahrung des reinen Bewußtseins ist. Immer ist sie da, um sich an uns zu verschenken. Doch wir tun nichts anderes, als sie von uns zu weisen.

 

Wir flehen nach der Freiheit, während wir vor ihr fliehen, um sie auf den dornigen Pfaden des Ichs zu suchen, dort, wo die Freiheit, das Glück niemals zu finden sind.

 

So geraten wir immer tiefer zwischen die düsteren Mauern unserer Vorstellungen, dieses Gefängnis unserer Werte und Konzepte, das wir selber erbauten. Immer brechen sich die Wasser der Sehnsucht an der Mauer des Ichs, um in sich selber zurückzuschlagen, in einem Strudel, in dem wir treiben.

 

Und weil wir den Widerspruch nicht ertragen können, wandern wir fort in unseren Träumen, weit weg treiben wir in unseren Gedanken, immerfort, immerzu!

 

So sind wir ständig dabei, ein unlösbares Problem zu lösen, so wie der Neurotiker das tut. Und wir können nicht aufhören, es zu tun, solange wir glauben, ein Ich zu sein, weil dieses Ich die Neurose selber ist.

 

Dabei kann die Illusion des Ichs nur solgange währen, wie sie nicht in das Bewßtsein steigt, denn eine Illusion, die sich mit Bewßtsein erhellt, hat sich bereits aufgelöst.

 

Deshalb wollen wir dem Ich auf den Grund, um es in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu durchschauen. Auf daß wir unser wahres Gesicht erkennen mögen!

 

So gehen wir in den Satsang, um unsere geistigen Geschütze auf dieses Ich richten. Aus immer neuen Stellungen nehmen wir das Ich in Angriff, bis auch die letzte Mauer fällt, und nichts mehr bleibt, nur das Selbst all-ein, das sich erblickt und schweigt.

 

 

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