2. Die Blockade des Ichs auflösen

 

 

Wir wollen nun eine kleine Übung machen. Die Übung soll helfen, die Gedanken des letzten Satsangs zum Leben zu erwecken; denn alles was im Satsang gesagt wird, hat nur Bedeutung, wenn es in Dir zu eigenem Leben ersteht.

 

Die Worte, die der Lehrer im Satsang spricht, haben nur einen Wert, wenn Du das alles leibhaftig in Dir erfährst. Nur so kannst Du die Antwort, die gegeben wurde, zu Deiner eigenen Antwort machen. Sonst bleibt dies ein bloßes intellektuelles Wissen, und dieses ist ohne jeden Wert.

 

Du nimmst dann eine Antwort von mir an, die Du bloß wiederholst. Dabei schaust Du auf die Worte, Du blickst nicht auf die Wahrheit, welche die Worte erhellen wollen. Dann gehst Du vielleicht zu einem anderen Lehrer. Der mag das gleiche sagen, wie ich gesagt habe, nur sagt er es mit anderen Worten.

 

Deshalb ist es wichtig, daß Du nicht nur die Worte hörst. Sonst magst Du glauben, daß der andere Lehrer etwas ganz anderes gesagt hat. So fragst Du Dich, wer hat nun recht, ist es der Martin, oder ist der OM, oder der Andrew Cohn vielleicht. So bist Du verwirrt, und je mehr Du von dem einen zu dem anderen Lehrer wanderst, um so verwirrter wirst Du sein. Das geschieht so, wenn man sich an die bloßen Worte hält.

 

Deshalb machen wir diese Übungen, damit alles, was gesagt wurde, in Dir zum Leben erwacht.

 

Also - atme ein paarmal gut durch, entspanne Dich. Wenn sich eine gewisse Ruhe eingestellt hat, kannst Du mit der Übung beginnen.

 

Mach dafür eine Situation in Dir lebendig, in der Du einen besonders guten Eindruck machen möchtest. Dafür schlage ich vor, daß Du Dir vorstellst, Du mußt in eine Prüfung gehen. Diese Situation haben wir ja alle in der Vergangenheit erlebt, erst in der Schule, dann im späteren Leben.

 

Stell Dir nun vor, daß Du in dieser Prüfung besonders gut abschneiden willst. Du willst Deine Prüfer beeindrucken mit all dem, was Du kannst und was Du weißt.

 

Vielleicht hast Du die Prüfungen, die Du in Deinem Leben machen mußtest, leichter genommen. Doch darauf kommt es im Moment nicht an. Eine gewisse Bedeutung werden auch für Dich diese Augenblicke in Deinem Leben gehabt haben. Wenn man nämlich so eine Prüfung ablegen muß, dann ist da allgemein ein Wunsch nach Erfolg. Das bedeutet, daß da gleichzeitig die Angst vor dem Versagen ist.

 

So wollen wir diese Gefühle, die mit der Prüfung zusammenhängen, in uns erwecken. Wir wollen die Angst vor der Prüfung, die Spannung in der Prüfung in uns lebendig machen, und je mehr wir von dieser Spannung fühlen können, desto besser gelingt die Übung.

 

Es kommt also nicht darauf an, wieviel Angst Du tatsächlich in den entscheidenden Momenten Deines Lebens, in so einer Prüfungssituation, hast. Tatsache ist, daß diese Angst da ist, und wir wollen das Prinzip untersuchen, wollen sehen, wie diese Angst mit unserem Ich zusammenhängt, und das kann man besonders gut tun, wenn die Angst, die Spannung ein größeres Maß erreicht hat.

 

Stell Dir also die Prüfungssituation ganz leibhaftig vor. Wichtig soll für Dich das Ergebnis der Prüfung sein. Du willst vor den anderen Prüflingen gut dastehen, so soll die Prüfungsnote für Dich eine besondere Bedeutung haben. Auch willst Du Deine Freunde, Deine Bekannten beeindrucken, die schon auf das Prüfungsergebnis warten. Mal diese Prüfungssituation plastisch vor Deinem geistigen Auge aus.

 

Es ist heute ein wichtiger Tag für Dich. So hast Du Dich für die Angelegenheit besonders gekleidet. Betrachte die Kleidung, die Du angelegt hast. Welche Farben haben die einzelnen Teile Deiner Kleidung? Je lebendiger Du das alles vor Deinem geistigen Auge ausmalst, desto besser gelingt die Übung.

 

Geh also Deine Kleidung von oben nach unten durch, um sie genauer zu betrachten. Paßt das alles gut zusammen? Hast Du die Kombination richtig gewählt? Nun schau, ob die Kleidung gut sitzt, ist sie zu eng, zu locker vielleicht, oder sitzt alles so richtig? Sieh, wie Du Dich in Deiner Kleidung fühlst, während Du nun vor dem Prüfungsraum stehst.

 

Die Minuten, die Sekunden ticken dahin, gleich ist es soweit. Du weißt, gleich wird mein Name aufgerufen, dann muß ich hineingehen. Dann wird alles darauf ankommen. Ja, ich werde ihnen zeigen, was ich kann, was ich weiß. Diese Prüfung ist wichtig für mich, und ich will besonders gut abschneiden. Laß den Gedanken auf Dich wirken, nimm die Vorstellung ganz an.

 

Laß die Spannung ansteigen, die Spannung vor dem Prüfungsraum. Laß allen Gefühle, die damit zusammenhängen, freien Lauf. Geh in die Gefühle hinein, die aufsteigen, in die Spannung, in die Angst vor dem Versagen.

 

Mal die Situation weiter aus. Hör wie Dein Name aufgerufen wird, wie Du in den Prüfungsraum schreitest, während Du nun Deine Prüfer zu beeindrucken suchst. Sieh, was geschieht...

 

Du denkst, ich will in dieser Prüfung gut dastehen, ich will, ich muß beeindrucken, imponieren. Du denkst die ganze Zeit ich, ich will, ich muß, während Du nun immer mehr das Ich aufrufst, sich in der Prüfungssituation zu bewähren.

 

Doch je stärker dieser Gedanke von einem Ich wird, das sich bewähren muß, desto mehr verspannst Du Dich, desto größer wird die Angst vor dem Versagen. So denkst Du nun, ich darf mich nicht verkrampfen, ich muß ganz ruhig bleiben. Das denkst Du, während Du Dich nun zur Ruhe zwingen willst. Doch je mehr Du denkst, ich muß ruhig sein, desto größer wird die innere Unruhe.

 

Je unruhiger Du nun wirst, desto weniger fällt Dir ein, und je weniger Dir einfällt, desto stärker wird die Angst vor dem Versagen. So denkst Du immer häufiger, ich muß ruhig sein, immer eindringlicher sagt Du zu Dir, ich darf keine Angst haben, ich muß ruhig sein, ich, ich, ich.

 

Immer stärker wird die Empfindung von diesem Ich, das sich bewähren muß, während die Gedanken immer mehr versiegen, bis Du zum Schluß nur noch errötest und stotterst und gar nichts mehr weißt. So fällst du durch das Examen.Du wolltest als dieses Ich beeindrucken, imponieren, doch hast Du als dieses Ich ganz kläglich versagt.

 

Daran sehen wir, je mehr wir dieses Ich aufrufen, unser Leben zu formen, zu gestalten, desto mehr finden wir uns gehemmt und gelähmt, bis der freie Fluß des Lebens schließlich ganz erstarrt. So sehen wir, daß das Ich auf einer abgrundtiefen Illusion beruht.

 

Dabei hat sich das Ich tief in unser Unterbewußtsein eingenistet, so daß wir es nicht durchschauen. So gehen wir in den Satsang, um die Illusion des Ichs zu ergründen. Dabei praktizieren wir eine Reihe kontemplativer Übungen, um das Ich ins das Bewußtsein zu heben, um es aufzulösen, bis nichts mehr bleibt, nur die Freiheit, so leer und so rein.

 

 

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