1. Die Illusion des Ichs

 

 

Seit einiger Zeit ergießt sich eine große Satsangwelle über die Welt. In den verschiedensten Ländern und Städten dieser Erde gibt es eine immer größere Zahl von Suchenden, die zusammenströmen. Aus ihren Reihen treten stets neue Lehrer hervor, und sie alle verkünden eine gleiche Wahrheit, die heißt: Alles Leid rührt von dem Ich her, doch das Ich beruht auf einer Täuschung.

 

Wenn Du die Illusion des Ichs durchschaust, löst sich alles Leid auf. Du siehts, es gibt niemanden, der da leiden könnte, und diese Erkenntnis ist es, die von dem Leid befreit.

 

So geschieht es, daß im Satsang die ursprüngliche Einsicht aufleuchtet, während sich die Illusion des Ichs enthüllt, einer Fatamorgana gleich, die sich als Trug entpuppt.

 

Da sehen wir, daß alles nur ein Traum war von Schmerz und von Glück, worauf immer wieder das Leid folgte. So erwachen wir und lachen wir.

 

Danach fallen wir leicht zurück in den früheren traumhaften Zustand. Ist jedoch die ursprüngliche Intuition einmal aufgeleuchtet, beginnt die Wahrheit ihre Anziehungskraft auszuüben. Wir sind in den Bannkreis der Wahrheit getreten. So beginnt sich nun alles Leben zu wandeln, von innen her.

 

Schauen wir uns deshalb dieses Ich genauer an. Ich heißt, ich hier, und Du dort, ich heißt Trennung, und wo Trennung ist, ist Einsamkeit und Schmerz. Löst sich das Ich auf, so ist da kein Du mehr, von dem wir uns getrennt finden können. So fallen alle Schranken dahin. Eine tiefe Verbundenheit mit allem, was lebt, stellt sich ein. Die Erfahrung von Einheit leuchtet auf, von seliger Einheit.

 

Das heißt nicht, daß wir nicht mehr Ich zu uns sagen sollen. Schließlich ist unsere Sprache so strukturiert, daß da immer ein Ich ist, das handelt oder untätig ist, das redet oder schweigt. Zumindest ist das in unserer deutschen Sprache so. In einigen fremden Sprachen dieser Welt ist das nicht so.

 

Ich gehe heißt auf Lateinisch eo, ich schlafe heißt dormo. In einigen indischen Sprachen ist das ebenfalls so. Da lebt das Ich rein sprachlich mit der Tätigkeit, die sich vollzieht, in eins zusammen.

 

In der deutschen Sprache aber haben wir ein Ich, welches als das Subjekt auftritt, das sich von seiner Handlung getrennt findet. So wollen auch wir von einem Ich sprechen, um der sprachlichen Konvention zu genügen. Doch müssen wir achtgeben, daß wir nicht in den Maschen der Sprache steckenbleiben; denn in Wirklichkeit ist da kein Ich, das von dem Du getrennt ist.

 

So müssen wir, wenn wir von einem Ich reden, sogleich sagen, daß das Ich auch das Du ist. So hebt sich die Sprache an sich selber auf. So haben wir die Schlinge, die uns die Sprache gestrickt hat, wieder aufgelöst.

 

Tatvamasi heißt es im Sanskrit, und das bedeutet: Ich bin Du. Das heißt, das Ich und das Du sind von der gleichen Quelle, sind von dem gleichen Wasser des Lebens, das sich in einem gleichen Strom ergießt.

 

So blickt das Ich, welches auf das Du schaut, auf sich selber. So ist da in Wirklichkeit kein Ich, und wenn wir das Wörtchen benutzen, dann tun wir es nur, um den sprachlichen Gepflogenheiten gerecht zu werden; denn da ist nichts als Einheit, und wenn wir dennoch von einem Ich, von einem Du reden, dann müssen wir sogleich sagen, daß das Ich und das Du in eins zusammenleben.

 

Wo nur Einheit ist, ist Liebe, ist Seligkeit, wo aber Trennung ist, ist Argwohn und Schmerz.

 

Die Erfahrung der Einheit heißt Liebe, und wer liebt, der wird geliebt. Wovon wird er geliebt? Nun, er wird von seiner eigenen Liebe geliebt. Es ist schön zu lieben, es ist selig zu lieben. So ist die Liebe ein innerer Zustand, der reine Seligkeit ist.

 

Wo das Ich aber ist, da ist Trennung und Schmerz. Da können Augenblicke von Verbundenheit, von Geborgenheit sein, die wir im Zusammensein mit dem anderen erleben. Doch die Bande, die geknüpft wurden, lösen sich so schnell, so leicht wieder auf. Leben ist Änderung, ist Wandel, nichts bleibt.

 

Wenn der andere, mit dem wir verbunden waren, geht, ist der Schmerz genauso groß wie das Glück des Zusammenseins war. Die Gleichung, beziehungsweise Ungleichung, stimmt perfekt. Der Schmerz der Trennung ist genauso groß wie das Glück der Verbundenheit war, bevor die Trennung geschah. Und die Trennung wird kommen, der Schmerz wird kommen, solange dieses Ich da ist.

 

Die Trennung, der Schmerz sind bereits in dem Ich angelegt, weil das Ich von seinem Wesen her Trennung bedeutet. So läßt sich die ersehnte Einheit nicht über das Ich finden, weil das Ich selber Trennung bedeutet.

 

Doch Du glaubst dieses Ich zu sein. Du bist aber nicht dieses Ich. Du glaubst dieser bestimmte Mensch zu sein, mit diesen bestimmten Wesenszügen, doch das alles bist Du nicht. Nein, Du bist nicht das, was Du zu sein glaubst, Du Bist ganz einfach.

 

So viele Eigenschaften, mit denen Du Dich identifiziert hast. So glaubst Du angesehen, erfolgreich zu sein, oder Du glaubst verlacht, verspottet zu sein. Dann gehst Du zum Satsang und erfährst:

 

All das, was ich zu sein glaubte, das bin ich nicht, ICH BIN ganz einfach. Das heißt, Ich bin nichts, und dieses Nichts ist das, was schon immer gewesen bist. Das ist das reine Bewußt-sein, das eigenschaftslos ist.

 

Ja, das Bewußtsein ist das reine Nichts. Es ist die reine Leere, die schon immer war, bevor all diese Vorstellungsbilder hinzutraten.

 

Doch bist Du in die Illsuion gegangnen, so hast Du Dich mit all diesen Gedankenbildern identifiziert. So kommt es zu diesem Ich. Während Du Dich an diese Vorstellungsbilder bindest, dumm, klug, oder schön zu sein, stellt sich die Illusion des Ichs ein.

 

Satsang bedeutet also Gemeinschaft in Wahrheit. Doch das Ich ist das, was aus der Wahrheit herausgefallen ist. So lenken wir das Licht der Wahrheit auf die Illusion des Ichs, um sie in uns aufzulösen.

 

Es ist das immer gleiche Thema, das wir untersuchen. Dabei gehen wir von unterschiedlichen Seiten an das Thema heran. Wir praktizieren verschiedene Übungen der Besinnung, der inneren Beobachtung. Doch finden sich all unsere Übungen von dem gleichen Ziel geleitet. Wo wir auch ansetzen, in welche Richtung wir uns auch bewegen, immer geht es darum, die Illusion des Ichs zu durchschauen, denn eine Illusion, die durchschaut ist, hat sich bereits aufgelöst.

 

Hier ist ein einfaches Beispiel. Da gehst Du in der Abenddämmerung durch den belaubten Wald und schreckst zurück. Was Du siehst, ist eine Schlange, die am Wegrand lauert. So ziehst Du Deine Taschenlampe aus der Weste, um die gefährliche Schlange ins Visier zu nehmen. Ein kurzer Druck auf den Schalter des Lämpchens, und Du mußt lachen, denn was Du siehst, ist nicht eine Schlange, es ist ein Gartenschlauch, der am Rande des Fußpfades liegt.

 

Nun kannst Du hinblicken, sooft Du willst, nie mehr wirst Du eine Schlange sehen. Die Täuschung der Schlange ist in das Bewußtsein getreten, so hat sie sich aufgelöst.

 

Die Illusion der Schlange war eine optische Täuschung, durch unseren Sehsinn ausgelöst. So haben wir das sichtbare Licht unserer Lampe eingesetzt, um die visuelle Täuschung aufzulösen. Die Illusion des Ichs beruht nicht auf einer visuellen Täuschung, sie beruht auf einer geistigen Täuschung. So müssen wir das geistige Licht entzünden, um es auf das Ich zu lenken. So können wir Die Große Illusion zum Schwinden bringen.

 

Ja, sie wird dahinschwinden, die Große Illusion, sie wird sich auflösen, sobald sie in das Bewußtsein tritt. Das ist so, weil sich die Illusion des Ichs unbewußt einstellt.

 

Das Unbewußte, das wir nicht schauen, ist von der Dunkelheit. Tritt die Dunkelheit in das Licht des Bewußtseins, löst sie sich auf, weil sie sich auflösen muß.

 

Wo das Licht ist, kann die Dunkelheit nicht sein. Die Täuschung der Schlange währt nur solange wie wir nicht wissen, daß wir uns getäuscht haben. Nehmen wir die Illusion als solche wahr, hat sie sich auch schon aufgelöst.

 

Die Illusion des Ichs bleibt nur solange, wie wir uns ihrer nicht bewußt sind. Erkennen wir sie als das, was sie ist, als eine Illusion eben, schwindet sie dahin, einem Gespenste gleich, das sich als Trug entpuppt, alsdann in Luft verpufft.

 

Nun können wir hinschauen, wann immer wir wollen, das Ich, das sich aufgelöst hat, werden wir nirgendwo finden.

 

Dabei ist es gar nicht so schwer einzusehen, daß das Ich auf einer Illusion beruht. Betrachten wir die Angelegenheit genauer.

 

 

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