Selig, die ihren Kopf hergeben, denn ihrer ist das ewige Leben

 

 

Die Illusion des Ichs

 

Du bist nicht dieses Ich, das du sein glaubst. Dieses Ich, das sich von dem Du getrennt findet, das bist du nicht. Du bist das selige reine Bewusstsein, das ich bin. Tat tvam asi, ich bin du, heißt es im Sanskrit, heißt die Wahrheit, um die es hier geht.

Leuchtet die eine Erfahrung auf, verschwindet das trennende Ich. Damit schwinden sogleich alle Isolation, aller Schmerz dahin, die von der Trennung zeugen. Was bleibt, ist das eine Bewusstsein, das reine Seligkeit ist. Es lohnt sich deshalb, der Illusion des Ichs auf den Grund zu gehen. Schauen wir uns deshalb dieses Ich genauer an.

 

Das Ich als Körper

 

Ich heißt, ich bin hier und du bist dort. So kannst du nicht sein, wo ich bin und umgekehrt. Mit ich meinst du somit die physische Gestalt, die dich von dem anderen, von dem Du, trennt. Diesen bestimmten Körper meinst du, der nur eine begrenzte Zeit auf diesem Planeten hat. Einmal, so sagst du, muss ich sterben, und sterben heißt, dass dieser Körper dahingeht, um sich in Staub aufzulösen.

 

Die Geburt des Ichs

 

Doch hast du den Körper nicht immer mit ich bezeichnet. Das Kleinkind sagt noch nicht ich zu sich. Auch wenn es bereits die ersten Worte spricht, sagt es nicht ich zu sich. So spricht die kleine Maria noch von sich in der dritten Person. Sie sagt, Maria will essen, Maria will trinken, Maria will mit Balla spielen. Schon viele Male hatte sich die Kleine im Spiegel betrachtet. Doch sie sagte nicht ich zu dem Gesicht, das sie sah. Sie schaute auf sich wie auf eine dritte Person.

Doch eines Tages, als die kleine Maria vor dem großen Spiegel im Badezimmer steht, geschieht es. Da sieht sie nicht nur das Gesicht, das in dem Spiegel steht, sie sieht das Spiegelbild als das, was sie selber ist. So wurde das Ich geboren.

Ja, so erging es einem jeden von uns, als das Ich in der Seele auflebte. Das geschieht meist so vor dem dritten Lebensjahr. Ein wenig unheimlich ist der Augenblick, in dem das Ich geboren wird; denn das Ich, hat es sich einmal in die Seele gestellt, ist nun für immer da, auch dann, wenn wir uns nicht im Spiegel betrachten.

 

Das Spiegelbild, das uns begleitet

 

Das ist so, weil wir stets dieses Spiegelbild mit uns herumtragen, als ein geistiges Bild, das wir von uns selber haben. Den lieben langen Tag, während du deine Einkäufe erledigst, zur Arbeitsstätte fährst, durch die Straßen der Stadt gehst, immer ist da dieses Ich, das dich begleitet.

So ist da die Empfindung, ich gehe in den Einkaufsladen, ich lege die Waren auf das Fliessband, das zu der Ladenkasse fährt. Nun stehe ich vor der Chefin des Ladens, die hinter der Kasse sitzt, während sie den Betrag eintippt. In die Hand, die sie ausstreckt, gebe ich einen Hunderteuroschein. Sie streichelt ihn glatt. Er gehört jetzt ihr.

In all den kleinen Begebenheiten des Lebens ist da die Empfindung ich hier, der andere dort, während du mit einem Bild von dem Körper identifiziert bist, das dich trennt. Die Hauptsache ­ das werden wir noch genauer sehen ­ ist dabei der Kopf, das Antlitz, durch das wir uns von einem jeden anderen Menschen unterscheiden. So mehr oder weniger diffus, nebelhaft ist dieses Bild von dem eigenen Antlitz. Doch ist es da, um uns in all unserem Tun und Lassen zu begleiten.

 

Das unbemerkte Spiegelbild

 

Dabei ist uns das zunächst nicht bewusst, und das liegt eben daran, dass dieses Bild ständig da ist. Wenn du dir sonst eine Vorstellung machst, von so einem Schrank, zum Beispiel, der in deinem Wohnzimmer steht, ist dir die Sache sehr wohl bewusst. Du weißt um den Gegenstand, an den du gerade denkst. Das liegt daran, dass die Vorstellung von dem Schrank vorher nicht da war, dass sie nun da ist, um sogleich wieder zu entschwinden. So macht sie einem anderen Vorstellungsbild Platz, dem Bild von dem Tisch, dem Stuhl, der Blumenwiese vor deinem Haus, dem Gedankenbild von dem blauen Himmel, der sich darüber wölbt, von Teneriffa oder Honolulu, von Goa mit seinem weiten Badestrand. Die Gedankenbilder kommen, die Gedankenbilder gehen. Deshalb können wir sie als solche wahrnehmen. Auch ist es so, dass wir das eine Vorstellungsbild im Unterschied zu dem anderen sehen. Doch das Gedankenbild von dem eigenen Gesicht ist ständig da. So nehmen wir dieses nicht als solches wahr.

Wir sagen ich und meinen den Körper, und wir meinen es, weil wir ein Bild von dem Körper, von dem eigenen Antlitz, in uns tragen. Doch wir merken es nicht, weil dieses Bild fortwährend da ist. So ist da nicht der kontrastierende Hintergrund, vor dem das Bild in das Bewusstsein treten könnte. Ein Phänomen ist das, welches wir nun genauer betrachten wollen.

 

Die donnernden Wasser, die sie nicht hören

 

Da war ich vor vielen Jahren zu den Niagarafällen gereist, die sich südlich von Toronto befinden, in der Nähe der kanadischen-amerikanischen Grenze. Das Wort "Niagara" bedeutet in der Sprache der indianischen Ureinwohner "donnerndes Wasser". Eine zutreffende Bezeichnung ist das, denn die weiße Wasserwand, die über 50 Meter in die Tiefe rauscht, macht einen tosenden Lärm.

Da fragte ich die Menschen, die an den Niagarafällen wohnen, ob das nicht störend sei, wenn ständig so ein Geräuschpegel an die Ohren dringt. Immer bekam ich die gleiche Antwort. You hear the water, we don´t, meinten sie einmütig. Ja, ich hörte die tosenden Wasser, doch sie hörten diese nicht. Das war die Botschaft, die mir die Bewohner vermittelten. So gab es da nichts, was diese Menschen stören konnte.

Nur ein Ehepaar, das gerade von einer Urlaubsreise zurückgekehrt war, meinte, oh yes, we hear the thundering water. Als wir gestern hier ankamen, so führten sie in ihrer Sprache weiter aus, hörten wir das Donnern des Wassers schon von weit her. So erleben wir unsere Heimat ganz neu. Doch geht das nur für zwei oder drei Tage so, dann verebbt das tosende Geräusch zu einem bloßen Rauschen, bis auch dieses noch für unsere Ohren verstummt. So war es bislang immer gewesen, und so wird es wieder sein, meinten sie und lachten.

Ja, weiter werden diese Schallwellen an ihre Ohren dringen, doch werden sie diese nicht als Geräusch wahrnehmen, den anderen Bewohnern gleich, die an den Niagarafällen wohnen.

Dabei gibt es etwas, was wir alle nicht wahrnehmen, gleich wo wir uns aufhalten, ob an den Niagarafällen oder an einem anderen Ort auf diesem Planeten. Das ist das Bild von dem Körper, von dem eigenen Antlitz, das wir in uns tragen. So mehr oder weniger diffus, wage ist dieses geistige Bild. Doch ist es immer da; und wir sehen es als solches nicht, weil dieses Bild ständig anwesend ist. Wo wir uns auch hinbewegen mögen, in die Stille der Natur oder in die lärmende Stadt, das Bild von dem eigenen Antlitz geht mit. Ob wir einen Menschen besuchen, den wir lieben, ob wir zu einem Menschen gehen, der uns nicht lieb ist, immer ist da dies Bild von dem Kopf. So ist da immer die Empfindung, ich bin hier, und der andere ist dort. So ist da stets dieses Ich, das uns von dem anderen, von der Welt trennt. So ist da ständig dies unterschwellige Gefühl von Isolation, von Einsamkeit und Angst.

 

Das bemerkte Spiegelbild

 

Doch gibt es Augenblicke in unserem Leben, in denen das nebelhafte Ich dahinschwindet. Lucida intervalla, lichte Unterbrechungen, sind das, in denen sich der Nebel klärt. Im Satsang, in der "Gemeinschaft in Wahrheit" – das meint das Wort im Sanskrit– geschieht das häufig so. Für Augenblicke zwischendurch oder auch für längere Zeit löst sich das Bild von dem Kopf auf, während das Ich entschwindet.

 

Ferien vom Ich

 

Das geschieht so, weil sich die Energie des Lehrers, der in dem ichlosen Zustand weilt, auf den Schüler überträgt. Doch wenn der Satsang vorüber ist, wenn die Suchenden wieder durch die Strassen des Lebens marschieren, kehrt das Ich zurück, während das Bild vom Kopf neu auflebt.

Doch nun kann es geschehen, dass man aufmerksam bleibt, aufmerksam genug, um zu sehen, wie das Bild von dem Kopf, wie das Ich entsteht. Vorher war das Bild nicht da, nun ist es da, und dieser Unterschied ist es, der uns sehen lässt, wie sich das Ich in die Seele stellt.

Du hattest Ferien vom Ich gemacht, so wie die Leute an den Niagarafällen, die in Urlaub fahren. So ließest du das Ich zurück, während das Bild von dem Kopf entschwand. Nun bist du aus dem Urlaub zurückgekehrt, während das Bild von dem eigenen Antlitz neu auflebt. So kannst du das Bild als solches wahrnehmen, so wie die Leute an den Niagarafällen, vom Urlaub zurückgekehrt, das Rauschen der Wasserfälle vernehmen. Wenn sie dem Geräusch längere Zeit ausgesetzt sind, nehmen sie es nicht mehr war. So sehen wir das Bild von dem Kopf nicht mehr, wenn es sich erneut in der Seele eingenistet hat. So ist da wieder dieses Ich, um uns in all unserem Tun und Lassen zu begleiten.

 

Der Leib ohne Kopf

 

Betrachten wir die Angelegenheit genauer. Dafür wollen wir nun diesen Kopf, der das Hauptstück der leiblichen Gestalt ist, entschwinden lassen. Doch der übrige Körper soll bleiben. In der realen Welt können wir einen Körper, dem der Kopf fehlt, nicht am Leben erhalten. So weit ist unsere Medizin nicht fortgeschritten. Anders ist das in der virtuellen Welt, in die wir uns nun begeben werden.

Dafür loggen wir uns in die Zeitmaschine ein, die uns in die Zukunft führen wird. Über das variable Bodylayout können wir uns sehen, so wie wir uns gerne hätten. Ein eingeblendeter Individualfilm soll das Geschehen untermalen. Es soll dir nicht langweilig werden in der virtuellen Welt. So kannst du – über die Schaltung manuell – in das Szenario eingreifen, um es nach Belieben umzugestalten.

Wir geben nun die Befehle in das Zukunftsmenu ein. Auf leuchtet die Kalendarzeitelektrode, auf die wir klicken, und siehe da, schon sind wir an unserem Mentalziel angelangt. Es ist das Jahr 2301, wir befinden uns in dem Hospitalpark des neuen Hightechmedizinzentrums. In einem der Hospitalräume befindet sich der Körper, welcher der deine ist. Doch was fehlt, ist der Kopf. So hatten wir das Bodylayout ausgelegt.

Dabei ist die Medizin hier so weit fortgeschritten, dass sie den kopflosen Körper am Leben erhalten kann. Ja, deine leibliche Gestalt, die keinen Kopf mehr hat, lebt in dem Hospitalraum weiter fort. Der Kopf fehlt, doch der Körper lebt. Daran besteht kein Zweifel. Sieh nur, die Bauchdecke, wie sie sich senkt und hebt, begleitet von dem Summen der Digitalmonitoren, die eine jede Manosekunde des Atmungsprozesses registrieren. Daneben steht ein zufriedener Gott in Weiß. Ja, die neue Simulationsrespiration klappt perfekt, sagt er leise zu sich selber.

So schau ihn dir an, diesen Körper, der du bist. So würdest du wohl sagen, wenn auch der Kopf da wär. Der Leib ist ganz und heil. Da sind Arm und Bein, die übrigen Körperteile sind alle an ihrem Platze, dabei ganz unversehrt. Magen und Herz, die anderen Organe pumpen und arbeiten, so wie es sich für einen intakten Leib gehört. Ja, der Körper, er lebt, doch was fehlt, das ist der Kopf. So stelle ich dir nun die Frage, die heißt: Kannst du ich zu diesem Körper sagen?

Schau dir diesen Leib an. Wandere ihn herauf und wieder hinunter mit den Augen. Ist da irgendetwas an dem Körper, zu dem du ich sagen kannst? Kannst du ich sagen zu dem rechten Arm, zu dem linken Bein, zu dem großen Zeh vielleicht? Schau ihn dir genau an, den großen Zeh. Ist das nicht ein Hühnerauge, das an ihm klebt?

So frage ich dich: Kannst du ich zu dem großen Zeh sagen? Kannst du ich zu dem Hühnerauge sagen? Wenn du nun ja sagst, dann schad um dich, wenn das Hühnerauge fort ist, denn dann bist auch du fort, für immer fort mit Huhn und Auge.

Nein, so geht das nicht. Da ist nichts an, um oder in dem Leib, zu dem du ich sagen könntest. Wenn der Kopf nicht da ist, dann ist da nur ein Körper, der zu nichts und niemandem gehört. Dieser Körper ohne Kopf, das bin ich nicht. So kann ich nicht ich zu dem Körper sagen. Zu diesem Ergebnis bist du nun wohl gekommen. Verweile noch für einige Zeit bei dem Körper, der keinen Kopf mehr hat. Dann wollen wir uns verabschieden von dem ungewohnten Anblick.

Wir rufen im manuellen Betrieb den Kopf auf, um ihn wieder mit dem Leib zu verbinden. Das Justierprogramm nimmt die Feinabstimmung vor, um Kopf und Leib nahtlos anzugleichen.

Schon ist das Werk vollendet. Vor dir steht wieder die vertraute Gestalt, in ihrer unverminderten Größe; denn, oh ja, der Kopf ist wieder da. Fest auf den Schultern sitzt er, während er sich in dem Halswirbel dreht, nach links, nach rechts und geradeaus. Nun kannst du wieder ich zu dir sagen. Spür es noch ein wenig, das neu gewonnene Lebensgefühl, ein Körper mit Kopf, ein Ich, zu sein.

 

Der Kopf ohne Leib

 

Doch wie lange noch so? Gar nicht lang, denn schon schreiten wir zu dem nächsten Szenario. Wieder geht es um eine Amputation. Dabei machen wir nun das umgekehrte Experiment. Der Kopf soll bleiben, während nun der Leib verschwindet.

Wir befinden uns wieder in dem Jahr 2301, in dem Krankenzimmer des Hightech-Medizinzentrums. Da ist nun ein Kopf ohne Körper, und dieser Kopf, er lebt. Die Hightechmedizin hat auch dies vollbracht, den Kopf ohne Körper am Leben zu erhalten.

Ein jeder Neurominiimpuls, so nennt man das hier, wird durch Digitalsponsoren registriert, während unser Gott in Weiß darüber wacht, mit einem Glitzern in den Augen. Alles wieder perfekt, sinnt er so vor sich hin. Diesen Humanschädel, den können wir noch die nächsten 30 Jahre in vivo halten.

Dabei hatte er - über den Humanarealbocker - die Registrierung deiner Gedanken ausgeblendet. Das musste er tun, denn es besteht ein gesetzlich verankertes Recht  auf die eigene Privatmentalsphäre. Früher war das anders. Da lag ein jeder Gedanke unverborgen auf dem Zerebraldisplay.

„Mentalprivatsphäre für die Körperlosen“, hieß alsdann die Forderung, in Leuchtbuchstaben auf den Televisoren der alternativ-humanen Bürgerinitiative; und siehe da, die Humanalternativen haben sich durchgesetzt. Heute darf dir niemand  mehr in die Gedanken schauen, es sei denn du wünschst es ausdrücklich, zur Seitenlappeninspektion, zur Arealfrontalstimulation, oder einfach zur Generalüberholung.

Doch im Moment ist alles intakt, die Nase, die Ohren, und diese Augen, die schauen, die blinzeln und weiter schauen. Ja, unversehrt ist dieser Kopf, so wie er immer war. Doch was fehlt, das ist die physische Leibgestalt. So stelle ich dir nun die Frage, die heißt: Kannst du ich zu diesem Kopf sagen?

Sieh, wie du nun Besuch bekommst. Deine Freunde, deine Verwandten sind erschienen, um den Kopf zu besuchen. Einen Körper ohne Kopf würden diese Menschen kaum besuchen. Da ist niemand, mit dem sie Worte, Blicke tauschen können. Wenn sie zu dem kopflosen Körper gehen, dann gehen sie zu niemandem. Wenn sie dagegen den körperlosen Kopf besuchen, dann gehen sie zu jemandem, den sie mit du anreden können. So wirst du selber ich zu dir sagen. Wie anders solltest du dich auch bezeichnen, wenn du den Besuchern über dein körperloses Leben berichtest, wenn du erzählst, wie das so ist, ein Kopf zu sein, dem Arm und Bein fehlen. Doch fehlen sie überhaupt? Was meinst du? Möchtest du vielleicht als bloßer Kopf spazieren gehen?

Nun lassen wir auch dieses Drama zu Ende gehen! So rufen wir im Display den Leib auf, um diesen wieder mit dem Kopf zu verbinden.

Und siehe da, schon bist du wieder ganz und heil, so wie du das immer warst. Was für ein wohliges Gefühl das doch ist…

 

Das Ich als Kopf

 

Was zeigt uns unsere Fantasiereise? Sicherlich doch dies. Wenn du ich zu dir sagst, dann meinst du den Kopf. Wenn da nur der kopflose Leib ist, ist da niemand, zu dem du ich sagen könntest. So meint das Ich vor allem den Kopf. Das eigene Antlitz meint das Ich, das dich zu diesem bestimmten Menschen macht, der sich von einem jeden anderen Menschen unterscheidet.

Dabei können wir den eigenen Kopf nicht sehen. Doch tragen wir ein Bild von dem Kopf mit uns herum, um für uns dieses Ich zu sein. Schwindet das Bild dahin, vergeht das Ich, weil es nur über dieses Bild zu leben vermag.

So löst sich das Ich auf, das sich von dem Du getrennt findet. Du erkennst, dass du nicht getrennt bist, nie getrennt warst. Die Erfahrung der Einheit leuchtet auf, der seligen Einheit, die du bist.

Um die reine Einheit zu erfahren, müssen wir das Bild von dem Kopf auflösen. Dabei sahen wir, dass das Bild von dem Kopf immer da ist. So magst du daran zweifeln, dass es möglich ist, dieses immerwährende Bild zum Schwinden zu bringen. Doch wir werden sehen, es ist möglich. Ja, wir können dieses Kopfbild, dieses Hindernis auflösen, welches den Zugang zu der seligen Einheit versperrt. Dabei kann uns kein virtuelles Programm helfen. Es geht um einen inneren, einen seelischen Vorgang, der nur real in dir geschehen kann. Dafür müssen wir uns nun folgendes klar machen.

Unsere Aufmerksamkeit ist zunächst nach außen, auf die Erscheinungen der Welt gerichtet, die wir sehen. Zur Zeit ist, zum Beispiel, dein Augenmerk auf diese Seite der Esotera gerichtet, die vor dir liegt. Dabei schaust du gewissermaßen aus dem Kopf heraus, während du dich der Lektüre des Artikels widmest. Weiter schaust du aus dem Kopf heraus, wenn du von der Lektüre aufblickst, um, zum Bespiel, durch das geöffnete Fenster zu schauen. Vielleicht siehst du Blumen, die in einem Vorgarten duften, vielleicht ist es ein Misthaufen, der vor deinem Fenster stinkt, vielleicht finden sich alles vom Schnee zugedeckt, die Welt so weiß, ohne Mist, Blume und Haufen. Ich weiß nicht, wann und wo du dies liest.

Das ist auch für unsere Untersuchung belanglos. Entscheidend ist allein dies. Was du auch erblicken magst, worauf sich auch dein Auge richtet, immer ist da dies Bild von dem Kopf, das deine Betrachtungen begleitet. So ist da stets die Empfindung der Trennung, die sagt: Ich bin hier, um auf eine Welt zu schauen, die da draußen ist.

Das trennende Ich trägt den Keim von Isolation und Schmerz in sich. Wir haben das wiederholt betrachtet. So fragt es sich, wie wir es anstellen können, damit sich das Ich auflöst.

Nun, die Sache ist im Prinzip ganz einfach. Nur muss man drauf kommen, wie das geht, und es funktioniert so.

Wir stellten fest, dass unser Blick immer nach außen gerichtet ist, von dem Antlitz fortwandert, während unbemerkt das Bild vom Kopf mitgeht. Nun machen wir folgendes. Die Aufmerksamkeit, die vom Kopf fortgeht, wenden wir einfach um, um sie in die umgekehrte Richtung, um sie auf den Kopf selber zu lenken. Vorher war sie von dem Kopf ausgegangen, um sich den Erscheinungen der Welt zuzuwenden. Jetzt ziehen wir sie aus der Welt ab, nehmen sie zurück, um in die umgekehrte Richtung zu blicken, dorthin, wo sich der Kopf befindet. Ganz bewusst schauen wir dorthin, wo der Kopf ist. Und was sehen wir da? Nun, nichts sehen wir da.

 

Das unsichtbare Antlitz

 

Du kannst den Kopf nicht sehen, wenn du nicht in den Spiegel blickst. Auch da siehst du ihn nur als eine Reflektion, eine Spiegelung eben. Ist der Spiegel gekrümmt, ist der Kopf gekrümmt. Du siehst ihn also so, wie der Spiegel ihn zeigt.

Direkt kannst du nur das Gesicht des anderen sehen. Das eigene Antlitz kannst du nicht unmittelbar sehen. Doch blicken wir auf den eigenen Kopf. Genau dahin, wo du nichts sehen kannst, lenkst du die Aufmerksamkeit. Geistig schaust du dorthin, wo du mit deinen physischen Augen nichts siehst. Das heißt, du schaust bewusst ins Nichts.

Und da geschieht das Wundersame. Während du bewusst in das Nichts blickst, schwindet das Bild von dem Kopf dahin. Das liegt daran, dass du nicht bewusst in das Nichts blicken kannst und gleichzeitig etwas, nämlich das Bild von dem Kopf, haben kannst. So gibt es doch eine Erklärung für das wundersame Geschehen. Deshalb ist das Wundersame gar nicht so wunderlich.

Also lenke deine Aufmerksamkeit auf den Kopf. Wenn Gedanken zwischendurch kommen, dann macht das nichts. Wird dir bewusst, dass du denkst, lenke deine Aufmerksamkeit zurück, dorthin, wo der Kopf ist. Dorthin, wo du nichts siehst, in das Nichts lenkst du deine Aufmerksamkeit; denn dieses Nichts, diese Leere ist genau das, was du bist. Fällt die Leere ein, so erkennst du deine wahre Natur, welche die eine Leere ist.

Du bist immer diese Leere gewesen, doch war sie zugedeckt durch das Bild von dem Kopf, das du mit dir herumtrugst. Nun ist das Bild dahingeschwunden, so ist da die Leere.

Dabei muss die Leere sein, damit die Erfahrung der Welt sein kann. Die Erscheinungen der Welt sind relativ, messen sich aneinander. Der Fußweg hört auf, wo die Straße beginnt, die Blume ist das, was die Wiese nicht ist, auf der sie blüht. Die weiße Wand erkennst du an dem Fußboden, der sich von der Wand abgrenzt. Wäre die ganze Welt eine weiße Wand, würdest du diese nicht sehen. Der eine Gegenstand tritt in das Bewusstsein über den anderen und umgekehrt.

Dabei tritt die Welt in Erscheinung auf dem Hintergrund der Leere. Die Leere, das Nichts muss sein, damit überhaupt etwas in Erscheinung treten kann. Wäre da nicht die leere Leinwand, so könnte die Kinovorstellung nicht beginnen. So ereignet sich das Drama der Welt, auf dem Hintergrund der Leere.

 

Die selige Leefü

 

Dabei kannst du umso besser an dem Drama der Welt teilhaben, je mehr du dich als die Leere erfährst, die du bist. Ist die Leere angefüllt mit dem Bild, das du von dem Kopf hast, mit all den Vorstellungen und Konzepten, die das Kopfbild umkreisen, kann die Welt nur begrenzt, wie durch ein Filter, einströmen. Die unverstellte Leere aber ist offen für die Welt. So siehst du alles unverzerrt, in seinem wahren Licht. So füllt sich die Leere mit den Erscheinungen der Welt. Deshalb ist die Leere auch die Fülle.

Das bedeutet das Sanskritwörtchen sunyata, das die Leere meint, welche die Fülle ist. Im Deutschen haben wir kein Wort, das gleichzeitig die Leere und die Fülle beschreibt, es sei denn wir würden es neu erfinden, als so eine Leere-Fülle, eine Lee-fü, eine Fül-lé vielleicht.

Du musst nur den geistigen Blick dorthin richten, wo der Kopf sitzt. So siehst du nichts. Solange du das Nichts schaust, stellt sich kein Gedankenbild ein. So ist da auch kein Bild von dem Kopf. So schaust du die selige Fül-lé, die du bist.

Dabei ist es zunächst nicht einfach, da hinzuschauen, wo man nichts sieht. Im Satsang ist das leichter, weil sich die Energie des Lehrers, der aus der Fül-lé lebt, auf den Schüler überträgt. So musst du nicht unvermittelt in das Nichts gehen. Du kannst dich an den Lehrer halten, welcher Mittler, Vermittler der Fül-lé ist.

 

Vom Lehrer zum Leerer

 

Am besten du siehst den Lehrer als einen Leerer. Den Leerer kannst du nicht verherrlichen, so wie man den Lehrer glorifiziert, während man seine Sehnsüchte, seine unerfüllten Wünsche auf ihn projiziert.

So erschließt der Lehrer die Leere, welche die selige Fülle ist. Danach geht es mit der Kopfübung auch zuhause leichter. Klappt sie mühelos, von selber nun, dann brauchst du den Lehrer nicht mehr. Vermagst du in das Nichts zu blicken, hat der Lehrer seine Aufgabe erfüllt. «Töte den Buddha, wenn er dir begegnet», töte den Lehrer in deinem Geiste, wenn du seiner nicht mehr bedarfst; denn er ist gekommen, um dich von allem zu befreien, auch noch von ihm.

 

Kopflos glücklich

 

Frei bist du, wenn du in die Leere eingehst, die keine Begrenzungen kennt. So bist du offen für alles, was lebt. Da ist nicht mehr das Kopfbild, das zwischen dir und den Lebensaufgaben steht, die du zu bewältigen hast. So vermagst du allem deine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. So bist du nun kopflos praktisch und gescheit. Dabei bist du ganz kopflos glücklich, weil du die Fül-lé, weil du das Leben selber bist. Zeitlos und unberührt ist das Leben, das wahre Wesen, während die Gestalten der Welt kommen und gehen.

 

Selig, die ihren Kopf hergeben

 

Darum heißt es: Selig die ihren Kopf hergeben, denn ihrer ist das ewige Leben. Wo das steht, fragst du. Nun, um das Zitat ausfindig zu machen, musst du nicht in vergangenen Zeiten, nicht in bibelkundigen Büchern suchen. Im Hier und Jetzt steht das so, auf der Seite der Esotera , die vor dir liegt. Drum suchet nicht, wenn ihr gefunden habt. So heißt es weiter nun - im Jetzt und Hier

 

 

Martin Erdmann (Esotera Ausgabe 1/07)

 

 

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