L e e r e t alle Völker - Satsang und die Evangelische Kirche

 

 

Gehet hin in alle Welt und leeret alle Völker

Von ihren Dogmen und S e i f e n b l a se n

 

meint der Satsangleher und lächelt dazu

 

Satsang ist zum mainstream geworden

 

Man ist schon lange kein Außenseiter mehr, wenn man in den Satsang geht. Satsang, Esoterik allgemein, sind zum „mainstream“ geworden, meint Christian Schürle in dem Artikel „Schrei nach Stille“, der sich in der Wochenzeitschrift Die ZEIT auf vier langen Seiten über die Satsangbewegung ergeht. (letzte Juniausgabe 2004, www.zeit.de/2004/27/esoterik

So schreibt Schürle: „Satsang, aus dem Sanskrit stammend, heißt ‚Zusammensein mit einem Erleuchteten in Wahrheit’ und ist die am häufigsten praktizierte Form der neuen Volksbewegung des Erwachens“, das „aus dem Tiefschlaf der spätkapitalistischen Selbstentfremdung“ führen soll.

 

Die Leere, welche Form ist

 

Die Wahrheit, um welche es im Satsang geht, ist das reine (Bewusst)sein, welches reine Leere ist. Buddha spricht von dem befreiten Zustand des Nirwana, in welches die Seele eingeht, um sich aus dem wiederkehrenden Kreislauf von Geburt und Tod zu befreien. In späteren Bewegungen des Buddhismus gewann man eine Intuition, die über die Erfahrung der bloßen Leere, dem Nirwana,  hinausführt. So spricht der große buddhistische Weise Nagarjuna in seinem Hauptwerk, der Mulamadhyamakakarika  - ich weiß, es ist ein schwieriges Wort -  von der Leere, die auch Form ist. Mit Worten kann man nicht sagen, was eine Leere ist, die zugleich Form ist. Wir müssen die Kunst bemühen. So wurden dem Artikel einige Bilder taoistischer Maler beigefügt, welche die unterschiedlichen Gestalten der Welt zeigen, die dennoch eine gleiche Leere durchscheint.

In unseren Satsangseminaren (www.satsa.de) geht es darum, dass wir der Erfahrung der Leere teilhaftig werden. Doch wollen wir nicht in die Leere, in das buddhistische Nirwana, entfliehen.  Es geht um eine ursprüngliche Intuition, aus der heraus wir uns der Welt der Formen und Gestalten hingeben, um diese doch als Leere zu schauen.

 

Die Illusion ein Ich zu sein

 

Dabei gibt es etwas, was uns an der Erfahrung der Leere hindert. Das ist die Illusion, ein Ich zu sein, das sich von dem Du getrennt findet. Satsang will zeigen, dass wir nicht dies getrennte Ich sind, dass ein jeder von uns das Eine, das gleiche leere (Bewusst)sein ist. Tat tvam asi heißt es im Sanskrit, was so viel bedeutet wie Ich bin Du, das heißt, ich bin das reine (Bewusst)sein, bin die reine Leere, die Du bist, welche die Welt ist.

Das Ich kommt dadurch zustande, das sich das leere (Bewusst)sein mit einer Palette von Vorstellungen identifiziert hat, mit der Vorstellung anerkannt, erfolgreich, verlacht, verspottet zu sein. Dabei wollen wir eine Vorstellung von uns haben, die uns angenehm ist. So richten wir unsere Gedanken und Taten so ein, dass sie die Anerkennung unserer Mitmenschen auslösen. Dieses Wort noch, jenes nicht mehr, sie könnten denken Du seiest dumm, arrogant oder liederlich. Damit leben wir als Ich immer in den Augen der anderen Menschen, die uns bewachen, die bestimmen, was wir zu tun, was wir zu lassen zu haben.

So finden wir uns als Ich stets fremd-bestimmt, das heißt, unserem wahren Selbst gegenüber ent-fremd-et. Das ist ein Zustand, der zunächst ganz unbewusst ist, so dass wir uns als Ich eigentlich in einem Tiefschlaf befinden. Deshalb geht es im Satsang um das „ Erwachen aus dem Tiefschlaf der... Selbstentfremdung“, von dem Schürle in dem Zeitartikel spricht.  Auf dass wir zu dem erwachen mögen, was wir selber sind, dem wahren Selbst eben.

Im Schlaf des Ichs sind wir ständig dabei, uns in die Selbstentfremdung zu begeben, während wir den Geboten und Verboten, den Dogmen anhängen, die uns in das gesellschaftliche Korsett einzwängen. So geht es darum, das Korsett als Korsett sichtbar machen, denn nur so können wir uns von unserem Zwangsjackett lösen.

 

Das Erwachen

 

Wenn sich das (Bewusst)sein aus der Identifikation mit den Vorstellungsbildern löst, wenn Es die Konzepte und Fesseln abstreift, sieht es sich als das, was Es ist, reines (Bewusst)sein eben. Die Erfahrung ist selbst-evident, so dass sie keinem Zweifel unterliegt.

Da liegt der Mensch des Nachts in seinem Bett und träumt von blutrünstigen Ungeheuern, die nach ihm lecken, mit gierigen Zungen. Dann erwacht er und lacht er, weil das alles nur ein Traum war. Dabei machen wir alle im Wachbewusstsein unterschiedliche Erfahrungen. Doch die Erfahrung, dass wir wach sind, dass der Traum nur ein Traum war, ist gleich in einem jeden Menschen, ohne dass jemand dies bezweifeln würde.

Dabei können wir von dem Wachbewusstsein noch einmal erwachen, können noch einmal lachen, während nun das gewöhnliche Wachbewußtsein in einem Traum versinkt, von Schreckgespenstern und Vampiren, die von unseren Lebenskräften zehrten. Nun machen verschiedene Erwachte ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen. Doch die Erfahrung des Erwachens selber ist  gleich in einem jeden Erwachten, ohne dass sich ein Zweifel einstellen könnte.

Das ist die Erfahrung, ich bin das reine Sein, das Du bist, so dass da kein Du, kein Ich mehr ist. So schwindet die Isolation, die Trennung dahin. Wenn wir das reine Sein als Gott, als Brahman bezeichnen, dann ist Gott kein Gegenüber, weil da kein Ich mehr ist, das sich Gott oder Brahman gegenüber-stellen könnte. So erwachen wir zu dem, was wir sind, zu dem (göttlichen) Sein, das wir schon immer gewesen sind.

 

Der selige Mensch der christlichen Mystik

 

Dabei war die Satsangbewegung schon lange in den Blickpunkt der Evangelischen Kirche gerückt. So war bereits im Jahre 2001 das 672 Seiten umfassende Werk „Panorama der neuen Religiosität“ erschienen, das von der „Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen (EZW)“ herausgegeben wurde. Das Werk enthält zu dem Thema der „neuen Religiosität“ eine breite Palette von Beiträgen, die in einem „Teil 2“ und „Teil 3“ von „Mitarbeitern der EZW geschrieben worden sind.“ (S. 14) Im Jahre 2001 hatte die Satsangbewegung bereits ein beträchtliches Ausmaß erreicht, so dass ein Kapitel über Satsang nicht fehlen konnte. So schreibt Michael Utsch, ‚EWZ-Referent für religiöse Aspekte der Psychoszene’:

„Die Satsang-Veranstaltungen...beziehen sich auf ein großes System der hinduistischen Philosophie, den Vedanta (S. 192)...Das Ziel des spirituellen Weges besteht darin, die letzliche Übereinstimmung der individuellen Person mit Brahman, dem Unendlichen (Bewusstsein)...zu erkennen. Die Erlösungslehre des Vedanta besagt, dass diese ‚in der...Identität von Atman und Brahman, von Individualseele und Universalseele, realisiert wird’...Diese Philosophie geht davon aus, dass der Gedanke eines...Ichs die Quelle allen Leids sei“. (S. 194) So geht es darum, das Ich zu überwinden. Schwindet das Ich dahin, so bleibt - Utsch zitiert Shankara - : „‚Etwas Selbstleuchtendes, das ewig ist, makellos, unermesslich und unzerstörbar: die höchste Wahrheit, die absolutes Bewusstsein ist, in dem der Erkennende, das Erkannte und das Erkennen vereinigt sind, unendlich und unwandelbar.’“ (S. 193, 194)

„Der Wunsch nach einer innigen Verbindung mit dem Götttlichen“, so fährt Utsch fort, „erlebte“ auch „im Christentum verschiedene Blüten. Ekstatische Erfahrungen des unmittelbaren Einsseins mit Gott oder dem göttlichen Seinsgrund werden klassisch seit Dionysius Areopagita ‚unio mystika’ genannt...Vertreter eines charismatischen Frömmigkeitsstils behaupten, dass ein ständiger, intensiver Gotteskontakt möglich sei...Die Gottesbegegnung nach christlichem Verständnis  kennt sehr wohl das unbeschreibliche Ergriffensein, die Sprachlosigkeit und die innige Verschmelzung mit Gott. Eine an Aktualität gewinnende Frömmigkeitsform ist das Herzensgebet der Ostkirche, das Elemente monistischer Wirklichkeitsdeutung enthält: ‚Auf der höheren Ebene der Kontemplation schwindet das Bewusstsein der Subjekt-Objekt-Unterscheidung; an ihre Stelle tritt ein Gefühl einer allumfassenden Einheit.’“ (S. 197)

 

Der gebrochene Mensch der Kirche

 

So zeigt Utsch, wie die christliche Gottesvereinigung der Vereinigung mit Brahman, mit dem indischen Advaita Vedanta zusammenfällt. Dann aber fügt er – recht unvermittelt - hinzu: „Jedoch belegt die biblische und kirchengeschichtliche Überlieferung, dass jeder Mensch an der Selbstentfremdung durch die Sünde krankt und die Versuchung bis zum Tod ein ständiger Begleiter ist...Außerdem kann die besondere Gotteserfahrung nicht für sich allein erstrebt werden; sie setzt vielmehr die verschiedenen Aspekte des christlichen Lebens voraus: Glauben an die Dogmen der Kirche...die Sakramente, die Schriftlesung, die Beobachtung der Gebote...Satsang hingegen beinhaltet den unbändigen Wunsch nach Erleuchtung, nach ‚vollkommener Befreiung von der dem menschlichen Zustand innewohnenden Abtrennung vom göttlichen Selbst, dem Ursprung.’“ (Zitat OM, Die Geburt des Löwen, S. 34).

 

Der Dialog, der keiner ist

 

Dabei hatte ich den Eindruck, dass auch andere Verfasser von Beiträgen in dem umfassenden Werk zunächst eine echte Aufgeschlossenheit für die „neue Religiosität“ zeigten, um sich dann – ich meine wieder recht unvermittelt - der besagten Variante des Christentums anzuschließen, die auf Dogmen, auf Sünde, die auf Selbstentfremdung, auf Abgetrenntheit, die auf die Gebrochenheit des Menschen pocht.

Zugunsten der Autoren berücksichtigen muss man dabei, dass die Einleitung des Werkes eine Vorgabe für die Artikelveröffentlichung enthält. So schreibt der Leiter der EZW, Reinhard Hempelmann: „Dialog mit neuer Religiosität darf nicht Verzicht auf Auseinandersetzung und Kritik heißen. Widerspruch gegenüber Ausprägungen neuer Religiosität sind insbesondere nötig, wenn es zu überzogenen Heilungsversprechen und einer Verharmlosung der Gebrochenheit und Begrenztheit des menschlichen Lebens kommt.“ (S. 20) Hempelmann warnt also vor „Heilungsversprechen“, die einer „Verharmlosung der Gebrochenheit“ des Menschen gleichkommen.  So ruft er zum „Widerspruch“ gegen alles auf, was den Menschen heilen, ihn ganz, ihn heil machen möchte, und er tut es, weil der Mensch, so Hempelmann, ein gebrochenes Wesen bleiben muss.

Nein, eine Heilung von den Wunden, der Gebrochenheit des Menschen, von der eine christliche Mystik kündet,  darf es nicht geben; denn gäbe es eine Heilung, wäre der Mensch nicht mehr das, was er ist, ein gebrochner Mensch eben, so die Logik der Kirche.

Das ist bedauerlich. Ohne diese gedankliche Vorgabe – für die Veröffentlichung der genannten Beiträge - hätte es zu einem wirklichen Dialog kommen können. So weiß ich nicht, wie eine Begegnung zwischen der Kirche und der ‚neuen Religiosität’ stattfinden kann. Hat doch die EZW bereits vorgegeben, wie so ein Gespräch auszugehen hat.

 

Ramana Maharshi und Meister Eckhart

 

Kehren wir deshalb zum Satsang zurück, der das Leid, die Gebrochenheit des Menschen zu heilen sucht. Das Leid, die Abtrennung, so sahen wir, rührt von dem Ich her. Wer ich sagt, sagt auch Du, so dass das Ich die Geburtsstätte der Isolation, der Abtrennung von dem Du ist. So wird auch Gott zu einem Du, einem Gegenüber, so dass sich das Ich nie mit Gott zu vereinen vermag. Mag die Sehnsucht auch noch so groß sein, das Ich kann sich niemals mit dem Göttlichen einen, so dass der Mensch, der an dem abgetrennten Ich festhält, weiter in der Isolation weilt.

Im Advaita Vedanta, in der christlichen Mystik dagegen, löst sich das trennende Ich, während die ursprüngliche Einheit mit Brahman, dem Göttlichen auflebt, welche den Menschen erfüllt.

Dazu sagt Meister Eckhart: „Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, mit dem Gott mich sieht. Mein Auge und Gottes Auge sind ein und dasselbe...“ (in David Loy, Nondualität, S. 61) Setzt man für Gott Brahman, so hätten diese Worte auch von Ramana Mahrashi stammen können, dem ehrwürdigen Vertreter des Advaita Vedanta, auf den sich so viele Satsanglehrer berufen.

Wo „mein Auge und Gottes Auge“ „dasselbe“ sind, gibt es kein Ich, das trennt. So hat sich das isolierte Ich aufgelöst, während die selige Einheit aufleuchtet, von der die christliche Mystik, das Advaita Vedanta künden.

 

Leeret alle Völker

 

Dabei meiden es Satsanglehrer von Gott zu sprechen, damit sich der Schüler nicht erneut in die religiösen Konzepte verstrickt, welche den Gott der Kirche umkreisen. So weist der Lehrer stets auf das reine (Bewusst)sein, die Erfahrung der reinen Leere, die sich über all unsere Vorstellungen und Konzepte erhoben hat, mit weitem Flügelschlag.

„Gehet hin in alle Welt und leeret alle Völker – von ihren Dogmen und Seifenblasen,“ meint der Satsanglehrer und lächelt dazu; denn eigentlich ist der Lehrer ein Leerer, der von all den Konzepten befreien will, die uns hindern und hemmen; denn erst wenn wir uns der einengenden Vorstellungsbilder entledigt, entleert haben, können wir in die große Freiheit, in die Fülle des Lebens eingehen.

So streifen wir unsere Ketten ab; so beginnen unsere Lebenskräfte zu strömen, während sich unser individuelles Wesen erst richtig zu entfalten vermag. Da erkennt sich der Atman als Brahman und umgekehrt. Das ist der Tropfen, welcher in den Ozean überfließt, der in dem Tropfen aufgeht, während sich der Mensch als Gott erfüllt, der sich als Mensch verwirklicht.

 

Die selige Leefo

 

Dabei bedeutet das Sanskritwörtchen „sunyata“ eine Leere, welche die Form ist, einem Janus-Gesichte gleich, in dem sich die Leere und die Form in einer Mitte einen, die sie beide übersteigt. Im Deutschen haben wir kein Wort, das gleichzeitig, die Leere und die Form beschreibt, es sei denn wir würden es neu erfinden, im Sinne einer Leere-Form, einer Leefo vielleicht.

Der Lehrer ist nicht gekommen, um den Schüler in die Leere, in das Nichts, die Verzweifelung eines westlichen Nihilismus zu stürzen. Er ist  gekommen, um sunyata, die Leefo zu erwecken. So öffnet sich das Tor, das aus der Leere in die Form führt, welche in die Leere führt.

Natürlich ist es für das begriffliche Denken ein Widerspruch von einer Form zu sprechen, die auch Leere ist. So versenke man sich in die Bilder der taoistischen Maler, die dem Artikel beigefügt wurden. Man tauche in die Bewegung  der Formen ein, die in der Leere entschwinden, um doch aus ihr emporzusteigen, als die Lebensformen, welche die Leere weiter durchscheint. So magst du eine Ahnung von sunyata, der seligen Leefo gewinnen. So erfährst du die selige Leere des Seins, frei von der Welt der Formen, um dich doch in den mannigfaltigen Gestalten der Welt zu erfüllen.

 

Martin Erdmann (Welt der Esoterik 03/05)

 

 

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