Die äußere und die innere Macht

 

 

Tief ruht der Engel in sich; doch steht er bereit, um sich kraftvoll in die Tat zu begeben. Die äußere Macht kann ihn nicht berühren. So steht er da, voller Demut, mit gesenktem Haupt, den Blick nach innen gewendet. Das ist die innere Macht, aus der er lebt. Sich selbst genug ist darum der Engel. Er braucht niemanden. So kommt er allein. Wer könnte auch neben ihn treten. Allein ist er,  all-ein ist der Engel, der im Weltenganzen ruht. Und dieser Engel, das bist du, auf deine ureigene Weise. Doch hast du deine innere Macht weggegeben, um dich auf die irrenden Wege der äußeren Macht zu begeben. Ich denke, es ist ein Sklavenleben. Doch können wir die Fesseln lösen.

 

Vom Ich zum Licht

 

Ein Weg, der aus dem Schatten der Knechtschaft in das Licht der Freiheit führt.

 

Der Stadtidiot

 

Neulich ging ich in Heidelberg am Neckarufer entlang, um auf die Alte Brücke zuzusteuern, die Hölderlin in seiner Dichtung besang. „Wie sich der Vogel des Waldes über die Wipfel schwingt, schwingt sich über den Strom leicht und kräftig die Brücke, die von Wagen und Menschen tönt.“ Das waren die Verse, die in mir aufstiegen. Doch waren das nun andere Wagen, die über Heidelbergs Alte  Brücke tönten. Auch stand nicht Hölderlin darauf, sondern der Stadtidiot, so könnte man den Helden unserer Geschichte wohl nennen.

 

Zwei Schleppkähne kamen gerade den Neckar hinuntergefahren, ein kleiner und gleich darauf ein größerer, die nun beide unter der Brücke hindurchpassieren wollten. Da gestikulierte unser Freund angestrengt mit den Armen. Mit der rechten Hand gab er dem kleinen Kahn das Zeichen, schneller zu fahren, während er mit der linken den großen zurückzuhalten versuchte. "Vorwärts, marsch!" rief er dabei dem kleinen Kahn zu, dann drohte er dem großen mit dem Zeigefinger, als wollte er ihm sagen: Dass Du mir ja nicht auf den kleinen auffährst; ich werd Dich kriegen! Die Kähne passierten alsdann unberührt unter der Brücke hindurch, während unser Freund siegesmächtig die Arme auf das Geländer stützte, dabei wohlgefällig auf die Welt hinabblickte, die um seine Füße rauschte. Ich bin sicher, niemand hätte ihn davon überzeugen können, dass das alles auch ohne ihn seinen Lauf nahm, so sehr fühlte er sich als Urheber und Schöpfer des kleinen Universums, das in seinem Blickfeld lag.

 

Noch ein Idiot?

 

 

Dabei wird die Illusion ständig durch unsere Sprache genährt. Wir sagen ich gehe, ich spreche, ich denke, wie wenn das Ich die Ursache all dessen ist, was wir tun und lassen. Doch wenn wir uns die einzelnen Aktivitäten einmal genauer ansehen, dann zeigt sich folgendes.

 

Wie Es geht, wie Es spricht, wie Es denkt

 

Das Gehen geschieht ganz einfach. Wenn du es nicht geschehen lässt,  wenn du ganz bewusst darauf achtest,  wie du das eine Bein vor das andere setzt, um das Gehen in den Griff zu bekommen, was passiert dann? Nun, du wirst bald so gehemmt, blockiert sein, dass du gar nicht mehr weißt, wie das mit dem Gehen geht. Und zum Schluss stolperst du und landest vielleicht in dem Misthaufen neben dir. Dabei wolltest du doch ganz kontrolliert und bewusst einherschreiten.

 

Da mag die Erkenntnis aufleuchten. Nein, so geht es nicht mit dem Gehen. Wenn es geht, dann geht Es, und Es geht nicht so, wie ich Es gehen machen will. Es geht ganz einfach.

 

Auch das Sprechen geschieht einfach, so dass wir uns während der freien Rede des Vorganges gar nicht bewusst sind. Die Worte fließen einfach heraus, wie das Wasser, das aus der Quelle fließt, um seinem eigenen Lauf zu nehmen.

 

Das kannst du gut feststellen, wenn du es einmal nicht fließen lässt, wenn  du deine Sprache kontrollieren möchtest. Wenn du deine Rede in den Griff bekommen willst, den Ton der Stimme, die Bewegung der Zunge, der Lippen noch, wenn du das alles in der Hand haben willst, was gescheht dann? Nun, dann kriegst du keinen Papp mehr heraus, denn das ist genau das, was der Stotterer macht. Er will ein jedes Wort im Griff haben, so klammert er sich daran. Das heißt, er lässt die Worte nicht los, so dass er den Fluss der Rede blockiert. Nur wenn er zwischendurch locker lässt, können ein paar Worte hinausfließen, bis die Kontrollsperre von neuem einsetzt.

 

Du sagst, ich denke, wie wenn du deine Gedanken bewusst hervorbringen würdest. Doch setz dich nur einmal hin, um scheinbar nichts zu tun. Du wirst sehen, die Gedanken kommen und gehen ganz einfach, ohne dass dieses Ich dem etwas hinzufügen könnte. So sollten wir sagen, ich werde gedacht, oder besser noch  es denkt, so wie es ghet und spricht, wie es regnet und schneit.

 

Die Geburt des Ichs

 

Dennoch sehen wir das Ich als die Ursache all unserer Gedanken und Worte, unserer Taten an; und wir tun es, weil wir davon ausgehen, dass das Ich schon immer da ist. Doch ist das nicht so. Schließlich kommt der Mensch nicht mit einem Ich zur Welt. Ein Kind zwischen dem ersten und dem zweiten Lebensjahr, das bereits seine ersten Worte spricht, sagt nicht ich zu sich. Es spricht von sich in der dritten Person. Peter essen, Peter trinken, Peter spielen, sagt der Kleine. Erst später entsteht das Ich. Das kann erst geschehen, wenn das Kind menschliche Eigenschaften denken kann, mit denen es sich identifiziert. Erst jetzt kann der kleine Peter zu sich sagen: ich bin brav, ich bin böse, ich bin gut.

 

Wie das Du zum Ich wurde

 

So sagt die Mami zu dem kleinen Peter: Du bist lieb. Da fühlt sich der kleine Mann ganz wunderbar. Dann sagt die Mami: Du bist böse. Da fühlt sich der kleine Peter ganz niedergeschlagen. Dabei macht unser Peter das Du, welches er für die Mami ist, zu einem Ich, um sich nun  als brav, als böse zu fühlen. Bei alledem sagt sich unser Peter nicht, ich will das Du, das die Mami spricht, zu einem Ich machen, damit ich mich als brav, als böse fühlen kann. Das sind nicht gerade die Gedanken, die ein Dreijähriger hegt. Das Du verwandelt sich vielmehr in ein Ich, ohne dass unser Peter merkt, wie das geschieht. So vollzieht sich der Vorgang der Identifikation unbewusst.

 

Im späteren Leben, nachdem das Ich lange geboren wurde, identifiziert sich der Mensch mit Gedankenbildern, welche die Schule, das Arbeitsleben, die Gesellschaft auf ihn projizieren. Dabei tut die Gesellschaft genau das, was Mami und Papi taten. Nur geht es jetzt nicht um „brav, böse, lieb“, es geht nun um andere Gedankenbilder.

 

Da sagt Chef Bossy zu seinem Angestellten: "Ich muss Ihnen ein Kompliment machen, Herr Micky. Das ist ein kreatives Projekt, das Sie da auf die Beine gestellt haben. Fürwahr Herr Micky, Sie sind ein kompetenter Mitarbeiter.“

 

Nun besitzt diese Aussage für Herrn Micky eigentlich einen neutralen Stellenwert. Er kann sich selber nicht mit "Sie" anreden. Nur Bossy kann ihn als ein "Sie" bezeichnen. Nur für den Chef ist Micky eine andere Person, ein Gegenüber. Für sich selber kann Micky keine andere Person, kein Gegenüber sein.

 

Doch er sieht nicht, was so sonnenklar auf der Hand liegt. Hungrig ist der Mensch nach Liebe, hungriger noch nach Liebesersatz in einer Welt, in der es die Liebe kaum gibt. So verwandelt er die Aussage "Sie sind kompetent" sogleich in die Feststellung "Ich bin kompetent", und er merkt nicht, wie dieses geschieht.

 

So fühlt sich unser Micky nun ganz großartig. Aber wie lange noch so? Am nächsten Tag kommt der Chef, um ihm zu sagen, was für ein lausiger Angestellter er ist, weil er diese Sache verpatzt hat, die Sache mit den Großaufträgen. Ja, da fühlt sich unser Micky sogleich ganz niedergeschlagen. Doch eine Woche später, als ihm der Chef vertraulich, freundlich zuzwinkert, so wie man nur seinen lieben Freunden zuzwinkert, da fühlt sich unser Micky wieder ganz prächtig.

 

Wie wir uns die Fesseln umlegen

 

Dabei geht es uns nicht viel anders als unserem Freund. Fühlen wir uns als anerkannt, erfolgreich, dann sind wir oben auf. So danken wir dem Leben, danken dem Lieben Gott vielleicht für alles, was uns gegeben wurde. Fühlen wir uns als unerkannt, als verlacht, als verspottet, dann beschweren wir uns beim Leben, bei dem Lieben Gott sogleich. Schließlich ist er doch der Liebe Gott, wie kann er da so lieb-los mit uns umgehen.

 

Doch wenn wir unsere Klagelieder singen, vergessen wir, dass wir es selber sind, die den Zustand geschaffen haben, in dem wir uns befinden. Der andere spricht dir gegenüber seine Anerkennung, seine Missbilligung aus. Dabei bist du es, der sich mit den Vorstellungsbildern des anderen identifiziert. Der andere identifiziert sich nicht für dich. Wie könnte er das auch tun? Du selber bist es, der sich an die Gedanken, die Konzepte des anderen bindet.

 

Der andere sagt: du bist bewundernswert, du bist verachtenswert. So sagst du: ich bin bewundernswert, ich bin verachtenswert, weil du das Du zu einem Ich machst, um dich als bewundert, als verachtet zu fühlen.

 

So haben wir uns selber in die Abhängigkeit begeben. Wir selber haben die Fesseln um uns gelegt, haben die Kerkermauern errichtet, die uns umgeben. Da sitzen wir nun, um auf die große Freiheit blicken, die zu unseren Füssen liegt.  Nur sind diese verflixten Gitterstäbe dazwischen.

 

Weil Du Bist

 

Dabei bedeuten auch noch die holden, die stolzen Gedankenbilder, mit denen du dich identifizierst, Einengung und Stau, weil sie den freien Fluss des Lebens blockieren. So magst du dich als wichtig, als bedeutend, als groß fühlen.

 

Doch was groß ist, das beruht auf einer Vorstellung, die relativ ist. Was in der einen Zeit groß ist, ist es nicht in der anderen. Auch identifizierst Du Dich hier mit einem Mehr oder Weniger, mit einer inneren Skala, kraft derer der eine über dem anderen steht. So bedarfst Du der Kleinheit des anderen, um Dich als groß zu fühlen.

 

Doch Du bist nicht ein bloßes Mehr oder Weniger, das aus dem Vergleich mit anderen lebt. Da gibt es niemanden, der die Hände so bewegt, wie Du es tust, niemanden, dessen Empfindungen sich so in Ton und Rhythmus der Stimme hinausmalen. So trägt alles an Dir seine ganz eigene seelische Färbung. Da ist der Glanz, der in Deinen Augen wohnt, der Kunde bringt, von dem, was Du bist, was durch Dich lebt, wie es nur durch Dich leben kann; da ist die Traurigkeit, die sich um Deine Lippen malt, und niemand ist traurig, ganz so wie Du es bist.

 

Doch Du glaubst ein Mehr, ein Weniger zu sein. Das ist der Vergleich, der Deine Schönheit zu einer hässlichen Fratze verzerrt, weil er künstlich, weil er tot ist, und das Tote das Leben entstellt.

 

Du bist Mensch und weil du Mensch bist, bist du unwiederholbar, ich möchte es immer wiederholen. Da ist nur das Eine, das Du bist, und wo nur das Eine ist, da kann kein Zweites sein, an dem man Dich messen könnte. Kein Wort in keiner Sprache der Welt kann sagen, was Du bist; denn Du bist nicht die Vorstellung, die Du von Dir hast. Du bist nicht dieser oder jener Mensch. Das heißt ganz einfach: DU BIST.

 

Die Rosenheimat

 

Das Einmalige, das du bist, drückt sich in dem Wort Individuum aus. Das heißt das Unteilbare, und was unteilbar ist, ist eins, und wo das Eine ist, dann gibt es kein zweites, das so wie das Eine ist. Das bedeutet, du bist einzig, bist unwiederholbar in der Schöpfung, bist dieser eine Mensch, der Du Bist.

 

Um das zu erfahren, darfst du dich nicht an diese gesellschaftlichen Werte und Unwerte binden, die deine individuellen Kräfte schwächen und lähmen. Darum musst du wach bleiben in dem einen Augenblick, in dem der andere seine Vorstellungen auf dich projiziert. So kommt es nicht zu der Identifikation, die immer unbewusst geschieht. So bleibst du frei von der Meinung der anderen, frei von den gesellschaftlichen Kontrollen und Zwängen. So wirst du dich nicht in ein ent-fremd-etes, das heißt, in ein dir fremden Leben begeben.

 

So erwacht das ureigene Wesen, das Du Bist, während du ganz darinnen aufgehst, du selbst zu sein, so wie die Rose, welche diese Zeilen schmückt, ganz darin aufgeht, diese Rose zu sein. Unschuldig ist diese Rose, wie könntest sie es auch anders sein, weil sie eben diese Rose ist, die lebt mit der Sonne, mit dem Wind, mit dem Wasser des Bodens, von dem sie trinkt, sich selber stets treu.

 

Doch die Rose schläft, versunken ist sie in ihren Rosenschlaf. Doch bist du lange aus dem Dornröschenschlaf erwacht; denn du bist Mensch, und als Mensch hast du den nährenden Boden verlassen, der deine Rosenheimat war. So bist du hinausgewandert auf den irrenden Gedankenbahnen der gesellschaftlichen Meinungen und Konzepte. So hattest du deine innere Schönheit, deine innere Macht weggegeben, um dich der fremden gesellschaftlichen Macht zu verschreiben.

 

Und das alles geschah, weil du ein „Du bist geachtet, verachtet...“ zu einem „Ich bin geachtet, verachtet...“ machtest. So legtest du das gesellschaftliche Fesselband um, ohne es zu merken. So hattest du dich heimlich selbst betrogen.

 

Durchschaust du den Lug und Trug, so schwindet er dahin. Da lösen sich die inneren Blockaden. So beginnt die Lebensquelle zu fliesen, in dem Strom der inneren Kraft, der inneren Macht, die Du Bist.

 

Dem Engel gleich

 

So stehst du da, nackt und schön wie am ersten Tag, dem Engel gleich, der seine Flügel ausbreitet, dabei doch fest gegründet auf dieser Erde steht, als sei auch sie seine Heimat. Aus der Natur, die im Hintergrund grünt, ist er herausgetreten. Doch der Blick geht nach innen, versunken in sich, wie die Rose, die schläft, bleibt er mit allem verbunden. Dabei ist er doch hellwach,  von einem inneren Licht durchleuchtet. Tief ruht der Engel in sich, doch ist er bereit, sich kraftvoll in die Tat zu begeben. Die äußere Macht kann ihn nicht berühren. So steht er da, voller Demut, mit gesenktem Haupt. Es ist die innere Macht, aus der er lebt. Sich selbst genug ist darum der Engel. Er braucht niemanden. So kommt er allein. Wer könnte auch neben ihn treten. Allein ist er,  all-ein ist der Engel, der im Weltenganzen ruht. Und dieser Engel, das bist du, auf deine ureigene Weise.

 

Martin Erdmann (Welt der Esoterik 02/05)

 

 

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