Von der Lehre in die Leere

 

 

Vorspann

 

 

Ein östlicher Weg der Erleuchtung, der durch den Westen führt.

 

Eine breite Satsangströmung ergießt sich über die westliche Hemisphäre. Ihren Quell findet sie in dem indischen Advaita Vedanta, wobei sich eine Vielzahl der Lehrer auf Poonjaji beruft, der ein Schüler des ehrwürdigen Ramana Maharshi war. Die Zeit spricht von einer „ neuen Volksbewegung des Erwachens“, die „aus dem Tiefschlaf der spätkapitalistischen Selbstentfremdung“ führen soll.

 

 

S a t s a n g

 

Von der Lehre in die Leere

 

Wenn sie erwachen und lachen

 

Eine Satsangwelle breitet sich aus, mit einer wachsenden Zahl von Lehrern, die durch die Lande ziehen, mit immer mehr Suchenden, die sich um sie scharen. Da gibt es keine größere Stadt, in Deutschland, England, Frankreich, den USA, in der die neuen Lehrer nicht auftreten. Man spricht von den Erwachten, die erwecken wollen; denn ob sie sich mit sanften Stimmen mitteilen, einfühlsam und beschwörend, ob sie sich in einer herberen Sprache äußern, streng und gebieterisch, immer wollen sie aufrütteln, von dem Traum erwecken, welcher die Schlafenden umfängt.

So geschieht es immer wieder im Satsang, dass sich der Traum als Traum enthüllt, einer Fata Morgana gleich, die sich als Trug entpuppt, dann in Luft verpufft.

Und wenn sie erwachen, dann lachen sie, weil es eben nur ein Traum war, von holden Liebesnächten, von Schreckgespenstern, die von ihren Lebenskräften zehrten. So erkennen sie, dass auch die Wunden nur Traumeswunden waren, dass sie ganz sind, dass sie heil sind, dass sie dies immer waren.

Die Liebe, die Wahrheit, das immerwährende Glück wollten sie finden in einer Welt von Lichtreklamen und Werbeschildern,   von Masken, die hinter den Masken wohnen. Doch immer gingen sie leer aus, weil Es da draußen nicht zu finden ist, das, was sie suchten, weil Es schon da ist, näher als der eigene Atem noch, die Wahrheit, die sie selber sind, das reine Bewusst)sein, zeitlos die Leere, die  er-füllt.

 

Die westliche Leere, welche die Leere ist

 

Dabei ist die Leere auch die Fülle, einem Janus-Gesichte gleich, das sich in dem Sanskritwörtchen „sunyata“ spiegelt. Im Deutschen haben wir keinen Begriff, der gleichzeitig die Leere und die Fülle beschreibt. Ich denke, das ist ein Grund, warum eine fernöstliche Leere - das Nirwana des Buddhismus, zum Beispiel - im Westen so missverstanden wurde, ein Grund auch, warum die Leere, das Nichts eines sich im Westen ankündigen Nihilismus so viel Angst bereitet. Man darf die sprachliche Konditionierung, die Programmierung, der wir hier unterliegen, nicht unterschätzen.

Ich möchte deshalb etwas weiter ausholen, um eine westliche Theologie, Philosophie zu streifen, die, so meine ich, in ihrem Selbstverständnis nicht unberührt bleiben können.

So versuchte man in einem katholischen, wie auch protestantischen Denken, auf stets neue Weise den Glauben durch Vernunftgründe zu bewahrheiten. Dafür nahm man eine übernatürliche Wirklichkeit an, die wiederum eine Sache des Glaubens ist. So wurde der Glaube auf eine Vernunft gestellt, die sich auf den Glauben stellt, wobei man sich in eine Endlosschleife bewegte.

In der Philosophie hat man - seit Beginn des abendländischen Denkens - stets neu die Frage nach Gott, nach einem überragenden Prinzip gestellt, das alle Wirklichkeit durchwaltet. Doch eine jede Konzeption, kaum dass sie hervorgetreten war, wurde durch eine andere abgelöst. Überall zeigten sich die unausgewiesenen Voraussetzungen, auf denen die verschiedenen Denkbemühungen beruhten, so dass diese immer wieder scheitern mussten. So kam es zu dem Verfall einer Philosophischen Theologie, die sich vor allem in der Zeit von Hegel bis zur Gegenwart vollzog.

Alles, was man festzumachen suchte, war in den Strudel eines radikalen Fragens geraten, um darin unterzugehen. Dabei musste ein Fragen, das Ernst mit sich selber machte, auch sich selbst befragen, ohne sich allerdings dabei aufzulösen, denn das wäre das Ende der Philosophie. So bleibt  ein Fragen, das in sich selber kreist, ein Strudel, der in den Strudel treibt, um das klaffende Nichts zuzudecken, das man so sehr fürchtet; denn das wäre eben der Nihilismus, und der darf nicht sein. Dabei ist dieser, so scheint mir,  zu einem Schreckgespenst geworden, zu einem Schlag-wort, mit dem man den Gegner tödlich zu treffen sucht.

Die Angst rührt von dem Ich her, das keinen Sinn mehr sieht, an den es sich zu halten, das keinen Grund mehr findet, auf dem es zu stehen vermag. Eine Angst ist das, in der das Ich in die bodenlose Tiefe zu stürzen droht; und das wäre der Tod des Ichs, vor dem man sich um jeden Preis retten will, weil man den Tod im Gegensatz zu einem Leben sieht, an das man sich klammert.

 

Die östliche Leere, welche die Fülle ist

 

Dabei ist in einem östlichen Denken, in einem westlichen Satsang, der Tod des Ichs genau das, was es zu erfahren gilt, weil der Tod des Ichs das eigentliche Leben ist, versinnbildlicht in dem Phönix, der in das Feuer fliegt, um daraus zu neuem Leben emporzusteigen.

So will Satsang in die Leere führen, welche das Tor in die Fülle ist. Der Lehrer öffnet das Tor, hindurchgehen muss der Schüler selber. Dabei machen die 72 Lehrer, die sich auf www.satang.de vorstellen, nur einen kleinen Teil der Bewegung aus, die auch in die entfernteren Winkel dieses Planeten vorzudringen beginnt. Über das Link „Satsang World Wide“ gelangt man zu 193 weiteren Lehrern, wobei zusätzliche Links das Wesen von Satsang zu erhellen suchen, was im Sanskrit so viel wie „Gemeinschaft in Wahrheit“ bedeutet.

 

Das Zwangsjackett des Ichs

 

Die Wahrheit nun lautet ganz einfach so: Du bist nicht all das, was Du zu sein glaubst, bist nicht die Vorstellung, die Du von Deinem Körper, die Du von Dir selber hast. Du bist nicht dick oder dünn, bist nicht dumm oder klug, nicht erfolgreich oder ein Versager.  DU BIST ganz einfach. Das ist das selige (Bewusst)sein, jenseits von allen Konzepten und Vorstellungsbildern, die Du zu sein glaubtest.

Dabei ist es das reine (Bewusst)sein selber, das sich mit all den Gedankenbildern identifiziert, mit der Vorstellung, anerkannt, erfolgreich, verlacht, verspottet zu sein. So kommt es zu diesem Ich, das sich, einem Staudamm gleich, in den Strom des Lebens stellt.

Da wollen wir mit einem Vorstellungsbild identifiziert sein, das uns angenehm ist. So richten wir unsere Gedanken und Taten so ein, dass sie die ersehnte Anerkennung bringen. Dieses Wort noch, jenes nicht mehr, sie könnten denken, Du seiest dumm, arrogant, liederlich. So bewegen wir die Stimme, die Augäpfel noch so, dass sie das gesellschaftliche Wohlwollen erwecken, während wir uns in das gesellige Korsett einzwängen, welches uns den Lebensatem einschnürt.

Manch einer mag sich ganz toll fühlen in seinem  Zwangsjäckchen. Sieh doch, wie es sich senkt und hebt, wie es das Leben bewegt, sagt er, während er sich noch tiefer in sein gepriesenes Korsett einschnürt, das ihm weiter den Atem abwürgt; und er tut das so lange, bis er den ganzen Irrsinn durchschaut. Erst wenn er sieht, dass er nicht dieses Korsett ist, beginnt es sich zu lösen. So kann er nun frei atmen, um von innen her zu leben, während sich all diese gesellschaftlichen Gebote und Verbote aufgelöst haben, den Mauern eines Gefängnisses gleich, an denen er selber baute.

 

Die Illusion des Ichs

 

Doch glaubt der Mensch zunächst, dass er dieses Ich ist, welches er als Ursache all seiner Gedanken und Taten wähnt. Dabei trägt unsere Sprache dazu bei, die Illusion des Ichs in stets neuer Weise zu nähren. So sagen wir, ich schlafe ein, ich träume, ich wache auf. Doch da ist kein Ich, welches all dieses bewirkt. Versuch nur einmal ganz willentlich einzuschlafen. Du wirst sehen, je mehr Du Dich darum bemühst, desto weniger gelingt es Dir. Nein, der Schlaf überkommt uns, die Träume geschehen einfach, und gezielt vom Schlaf erwachen, auch das vermögen wir nicht.

Wir sagen, ich denke, wie wenn dieses Ich die Ursache unserer Gedanken wäre. Doch setz Dich nur für ein paar Minuten hin, um scheinbar nichts zu tun. Du wirst sehen, die Gedanken kommen und gehen, ohne dass Du überhaupt weißt, wie sie in Deine Aufmerksamkeit  gelangt sind. Wenn Du Dir eines Gedankens bewusst geworden ist, ist er auch schon entschwunden, um einem anderen Gedanken Platz zu machen, der schon stürmisch an den Pforten des Bewusstseins drängt.

 

Der Widerspruch des Ichs

 

Du kannst auch diese Übung machen, um zu sehen, dass dieses Ich nicht die Ursache Deiner Gedanken und Taten ist. Stell Dir dafür vor, dass Du gerade in eine Prüfung gehst, die für Dich sehr wichtig ist. Ein jeder von uns hat ja diese Situation einmal erlebt. Dabei sagst Du Dir: Ich weiß, dass es jetzt darauf ankommt. Jetzt muss ich mich bewähren, muss ich ihnen zeigen, was ich kann. Doch je mehr Du Deine Examinatoren zu beeindrucken suchst, desto einfaltsloser erscheinst Du. Schon fängst Du an zu erröten, zu stottern, und zum Schluss, als Du Dich am inständigsten bemühst, fällt Dir gar nichts mehr ein. So fällst Du durch das Examen.

Dabei ist das gar nicht überraschend, dass das so geschieht. Du sagst Dir, ich will zeigen, was ich kann, ich will beweisen, was ich weiß, wie überlegen ich bin, das will ich ihnen zeigen. Immer sagst Du ich, ich, ich. So hast Du alle Aufmerksamkeit auf dieses Ich gelenkt, so dass keine Energie für die Lösung der Examensprobleme bleibt. So finden sich Deine Lebenskräfte gehemmt, blockiert, so dass Dir schließlich gar  nichts mehr einfällt.

Doch gibt es auch die umgekehrte Situation, in der wir uns ganz selbstvergessen, das heißt, ich-vergessen einer Aufgabe hingeben. Da sprudeln uns die Ideen, die Gedanken nur so zu, weil da nicht dieses Ich ist, das den Strom des Denkens, des Lebens verstellt.

Wir sehen, dass dieses Ich nicht der Urquell unserer Gedanken ist, dass es vielmehr einem Staudamm gleicht, an dem sich der Fluss des Lebens bricht. Eigentlich will dieser nur frei fließen, um sich in das ewige Meer zu ergießen, doch nun schlagen die Wasser in sich zurück, in einem Strudel, der den zu verschlingen vermag, der ihn nicht als Strudel erkennt.

 

Die Medien nehmen Notiz

 

So geht man in den Satsang, um die Schranken des Ichs aufzulösen, damit die Wasser des Lebens wieder frei zu fließen vermögen. Dabei ist man  kein Außenseiter, wenn man in den Satang geht. Satsang, Esoterik allgemein, sind zum „mainstream“ geworden, meint Christian Schürle in dem Satsangartikel „Schrei nach Stille“, der sich in der Wochenschrift  Die ZEIT über vier lange Seiten erstreckt. (letzte Juniausgabe 2004, www.zeit.de/2004/27/esoterik )

Dabei spricht Schürle von „der neuen Volksbewegung des Erwachens“, die „aus dem Tiefschlaf der spätkapitalistischen Selbstentfremdung“ führen soll.

 

Die Fessel des Ichs lösen

 

Damit sich das große Erwachen ereignen kann, müssen wir das Hindernis auflösen, welches dem Erwachen im Wege steht; und dies Hindernis ist die Illusion, ein Ich zu sein. So geht es im Satsang darum, die Illusion des Ichs in das Bewusstsein zu heben, denn eine Illusion, die als solche durchschaut ist, hat sich bereits aufgelöst.

 

Der Oberaffe im Menschen

 

Schauen wir uns also dieses Ich noch einmal genauer an. Da hast Du so eine Vorstellung von Dir, erfolgreich, intelligent, angesehen zu sein. Oder Du bist mit einer Palette von Eigenschaften identifiziert, die das genaue Gegenteil beschreiben, mit einer Mischung von beiden, wie das den meisten Menschen geht. Wenn Du nun diese Vorstellungsbilder näher betrachtest, wirst Du sehen, dass diese stets aus einem Vergleich leben. Immer bist Du identifiziert mit einem Mehr oder Weniger, einer inneren Skala, auf der sich die Menschen aufgereiht finden. Du bist intelligent, weil der andere dumm ist, und wenn alle Menschen erfolgreich, angesehen wären, dann wäre es keiner mehr, auch Du nicht. Es geht hier um den Vergleich, es geht darum, mehr zu sein, etwas Besseres zu sein, als der andere es ist. Das erinnert an die Hackordnung in einem Hühnerstall, an die Hierarchie in einem Affenstamm, in dem es die Unteraffen gibt und den Oberaffen. Der darf dann alle Affenweibchen...Bei dem Menschen hat sich das ein wenig gelegt, doch herrscht das Prinzip noch vor.

 

Auf den Wogen des Ichs

 

So sind wir alle bestrebt, in der Rangordnung der Werte nach oben zu steigen. Da fühlen wir uns gleich ganz großartig, wenn der andere kommt, um uns zu sagen, was für ein toller Kerl  wir sind. So bläht sich dieses Ich auf wie ein vollgepumpter Luftballon. Doch wie lange noch so? Denn bald kommt der Nächste, um uns zu sagen, was für ein Jammerlappen wir doch sind, und, pssst, geht die Luft aus dem Ich, während wir uns sogleich ganz elend fühlen. So ist dieses Ich einer Welle gleich, die uns durch die Höhen und Tiefen des Lebens trägt, während die gesellschaftlichen Kurse steigen und fallen. So heben wir uns und senken wir uns, auf der Woge unserer Lebensstimmungen. Dabei sind wir immer mit einem Tropfen auf der Welle identifiziert, einem Tropfen auf dem Wellenberg, wenn die Gefühle hochschlagen, einem Tropfen im Wellental, wenn uns die große Traurigkeit umfängt.

Im Satsang treten wir hinter dieses Ich zurück, um es aus der Distanz zu betrachten, und da schauen wir nur eine immer gleiche Welle, die durch einen jeden Menschen wogt. Der Wellen­berg ist schon das Wellental, in das er niedersinkt, um sich erneut zu heben. So erblicken wir keine isolierten Höhen und Tiefen mehr, sondern schauen eben die Bewegung einer gleichen Welle, die sich schon immer in einem Berg, in einem Tal befindet. Wenn wir aber das sehen, beginnen sich die Lebenswogen zu glätten, um sich in den Ozean zu weiten, der in seiner Tiefe ruht und schweigt.

 

 

 

Martin Erdmann (Welt der Esoterik 01/05)

 

 

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