Das Göttliche, das sich als Mensch verwirklicht

 

 

Drei Lehrer des Advaita findet man auf diesen Seiten. Sie alle sprechen aus einer gleichen Wahrheit. Doch leuchtet diese durch einen jeden von ihnen, in ureigener Weise. So will sich das Göttliche auch in Dir verwirklichen, als dieser besondere Mensch, der Du Bist.

 

Eine westliche Ratio, die den Marschgesang blies.

 

Seit Beginn der 60er Jahren ergießt sich eine Welle der Spiritualität über die westliche Hemisphäre, wobei es sich ursprünglich um die fernöstlichen Lehren des Taoismus, des Buddhismus, des Advaita Vedanta, um Systeme des Yoga handelte. Diese breiteten sich mit wachsender Geschwindigkeit aus, um den spirituellen Durst der Menschen in einer westlichen Gesellschaft  zu stillen, in der die dürren Dogmen der Kirche, die starre Ratio von Wissenschaft und Technik den bestimmenden Ton angaben, den herben Marschgesang bliesen.

 

Eine Melodie, die aus dem Osten erklang

 

Ein metallener Klang war das wohl, zu dem sie in Reih und Glied voranschritten, in Logik und spanische Stiefel eingeschnürt, als – siehe da - aus dem Osten eine andere Stimme, eine andere Melodie erklang.

Da traten die Hellhörigen unter ihnen aus den Reihen, um auf die verheißungsvollen Töne zu lauschen. Andere folgten ihnen nach. Bald war es eine ganze Schar, die sich in die neue Melodie stimmte, während eine östliche Weisheit immer vernehmbarer in westlichen Gefilden erklang, das Leben der Menschen zu erfüllen, ihre tiefere Sehnsucht zu stillen. So ging der Osten in den Westen ein.

 

Eine östliche Sicht, die zu einer westlichen wurde

 

Dabei können wir heute nicht mehr von einer rein östlichen Philosophie oder Religion sprechen. Buddhismus, Taoismus, Advaita Vedanta sind nunmehr zu einer westlichen Sicht-, zu einer westlichen Lebensweise geworden.

Darum ist man schon lange kein Außenseiter mehr, wenn man aus einer esoterischen Buchhandlung, einem etablierten Buchladen tritt, mit den Lehren Ramana Maharshis, Buddhas oder Laotses unter dem Arm. So schreitet man durch die Strassen der Stadt, während einem allerorts Augen von Menschen begegnen, die auf gleichem Pfade wandeln.

„Immerhin 32 % der Bevölkerung sind  an esoterischer Literatur interessiert“, kommentiert das „Panorama der neuen Religiosität“ (Evangelische Zentrale für Weltanschauungsfragen, 2001, S. 216)

Östliche Religion, Esoterik sind „mainstream“ geworden”, meint Christian Schürle in dem Artikel “der Schrei nach Stille“, der in Die Zeit erschien (www.zeit.de/2004/27/esoterik)

In den USA spricht man von den „new age practitioners“, die „ca 20 %“ der amerikanischen Bevölkerung ausmachen, so R. Forman, in seinem neuen Werk „Grassroots Spirituality (2004, S. 8)

Nach amerikanischen Sprachgebrauch bezeichnen die „grassroots“ unter anderem Bürgerinitiativen, die von der Basis her operieren. Analog meint Forman mit seinen „grassroots“ eine ursprünglich östliche Spiritualität, die nun auf westlichem Boden blüht und gedeiht. Das Gras, die Pflanzen und die Bäume brauchen keinen Vermittler, um von dem Wasser des Bodens zu trinken, weil sie in ihm verwurzelt sind. So will auch die „grassroots spirituality“ in direkte Berührung treten, von der Quelle trinken,  die alles Leben vernetzt, durchtränkt.

 

Dieser Gott ist nur glücklich, wenn du keinen Sex hast

 

Sie wollen keinen Vermittler, der Bande knüpft zu einem Gott, der in einem entlegenen Himmel thront. So lautet ihr „ABC: Anything but the Church“, (S. 118 ff) alles nur nicht die Kirche, mit ihren Geboten und Verboten, mit ihren pyramidalen Strukturen, von Priester, Bischof und Papst, über allem der allmächtige Gott, der nur glücklich ist, wenn du keinen Sex hast und die Kirchensteuer zahlst.

Für sie klingt das wie ein Märchen aus einer vergangenen Zeit, weil sie hinausgegangen sind, um ihre Nase in den seligen Wind zu stecken, der für alle weht, die rein und nackt genug sind, um ihn zu spüren.

 

Der unpersönliche Gott, jenseits von Glück und Unglück

 

Sie wechseln die Schulen, die Lehren schnell, wollen sich nicht festlegen. Forman ging der Sache nach, um festzustellen, ob die Menschen des New Age, die Kinder der neuen Zeit, etwas Gemeinsames verbindet.

Nach umfassenden Befragungen kamen Forman und sein Team zu dem Ergebnis, dass „zwischen 19 und 32 % der amerikanischen Bevölkerung an einen unpersönlichen Gott glauben“, wobei sie meinen, „dass dieser Prozentsatz auch für die anderen größeren Industrienationen gilt“. (S. 10)

Die Befragten äußerten sich mit unterschiedlichen Worten. (S. 34 ff) So spricht ein Beteiligter von  „einer Energie, die in allem ist, in einer inneren Vernetzung gleichsam.“ Ein anderer bekundet: „Es gibt mir das Gefühl, das ich mit allem und jedem verbunden bin.“ Ein nächster meint: „Es ist eine Wirklichkeit, die alles übersteigt...die dennoch in uns ist, als der Kern unseres Wesens, um einen jeden Teil eines geheiligten Universums zu erhalten, zu bewahren.“

 

Das Hindernis des Ichs

 

Immer wieder ist die Rede von dem Hindernis, das der seligen Erfahrung im Wege steht. So meint einer der Befragten: „Wir müssen erst dies falsche Egozeugs loswerden, müssen die Verkrustungen aufbrechen, um zu dem wahren Wesen vorzudringen, welches das eigentliche Leben ist.“ Ein anderer sagt: „Es geht darum, dass wir über dieses Ich hinausgelangen, um uns auf diese Unendlichkeit einzustimmen, die unsere Sprache, unsere Tradition übersteigt, jenseits von all diesen Egoträumen.“ Ein Dritter meint: „Der Satz, der mir am besten gefällt, ist dieser: Werde nichts, um alles zu sein.“

Bei aller Unterschiedlichkeit der Worte scheint eine gleiche Botschaft hindurch, die besagt, Gott ist eine unpersönliche Kraft, die – so könnte man sagen - unterirdischen Wasseradern gleich, alles Leben vernetzt. Doch gibt es dieses Ich, dieses Ego, welches der Erfahrung im Wege steht. So muss sich dieses Ich auflösen, damit wir der inneren Vernetzung, der Einheit allen Lebens teilhaftig werden.

 

Wenn sich die Blockade des Ichs löst

 

Kinder sind sie einer neuen Zeit, wobei sie auf einer Vielzahl von Wegen voranschreiten, sich ganz unterschiedlicher Methoden, Schulen bedienen. Doch immer wissen sie, dass es nur die eine große Kraft gibt, die zu fließen beginnt, wenn sich die Blockaden des Egos, des Ichs, lösen.

Im Bhakti Yoga, in der wahren Hingabe, stirbt das Ich, während sich die Tore öffnen. So vermag die göttliche Kraft einzuströmen.

Die Symbole, die in der Reikieinweihung offenbart werden, sind ein hilfreiches Mittel, um das Ich zu überschreiten, denn nur so kann die heilende Kraft fließen.

Der ayurvedische Arzt, der das genaue Verhältnis der Doshas, der seelisch-körperlichen Grundkräfte,  zu ermitteln sucht, muss sich ganz mit dem Patienten verbinden, um dem Organismus die Störungsmuster abzulauschen. Ein vorgefertigtes Wissen reicht da nicht. Es bedarf der höheren Intuition, die sich erst ein-stellt, wenn sich das trennende Ich zurück-stellt.

Auch die Kraft von Edelsteinen, von Kristallheilstäben wirkt besser, wenn das trennende Ich nicht im Wege steht.

Magic-Signs, magische Kräfte kann man zum Wohle der Menschheit nutzen. Die Kräfte warten auf uns. Wir müssen uns ihnen nur öffnen. Doch auch dafür müssen sich die Egoblockaden lösen.

Die heilende Kraft der Hypnose kann sich nur einstellen, wenn der Klient bereit ist, aus dem isolierenden Ich herauszutreten, um sich mit den Worten des Hypnotiseurs zu verbinden.

Beim Legen der Tarotkarten stellen sich Schlüsselbilder ein, die auf die jeweilige menschliche Situation passen. Die rechte Deutung der Bilder fällt um so leichter, je mehr man sich leer gemacht hat, befreit hat von seinen Egoprojektionen.

Das Ich des Lichtarbeiters muss, zumindest  für die Zeit der Durchsage, zurücktreten, sich in Schweigen hüllen, um nicht die medialen Botschaften durch sein eigenes Geschwätz zu verzerren.

Im Kriya Yoga verbrennt das Ich in dem aufsteigenden Strom der Kundalini, bis nur noch die Asche bleibt. Daraus erhebt sich – dem Phönix gleich – der verwandelte Mensch.

 

Der Widerspruch des Ichs

 

Wenn wir dieses Ich genauer betrachten, sehen wir, es kommt dadurch zustande, dass sich das Bewusstsein mit diesen Selbstbildern identifiziert, anerkannt, verlacht, verspottet zu sein. So wollen wir ein Bild von uns haben, das uns angenehm ist. Deshalb richten wir unsere Gedanken und Taten so ein, dass diese das gesellschaftliche Wohlwollen erwecken. So finden wir uns von den Augen der anderen bewacht und kontrolliert.

Dabei müssen wir uns nur eine einfache Lebenssituation vor das geistige Auge stellen, um zu sehen, wie uns das Ich hindert und hemmt.

Stell dir dafür vor, dass du jemandem begegnest, den Du beeindrucken willst, einer attraktiven Person vom anderen Geschlecht, zum Beispiel. So sagst du dir, jetzt will ich einen besonders guten Eindruck machen, ich will beweisen, wie witzig, wie humorvoll ich bin, will zeigen, wie leicht, wie locker ich bin.

Da steht die angebetete Person nun vor dir. Und was geschieht? Nur ein Erröten, ein Stottern, ein Stammeln, während dir gar nichts mehr einfällt. Das war die volle Blamage.

Dabei ist das gar nicht so verwunderlich, dass die Sache in die Binsen ging. Du sagtest dir, ich muss einen guten Eindruck machen, ich muss cool, ich muss locker sein. So hattest du die ganze Aufmerksamkeit auf dich, auf dieses Ich gelenkt, so dass die Lebenskräfte nicht mehr zu fließen vermochten. So fandst du dich schließlich ganz gehemmt, ganz blockiert.

Doch gibt es auch die umgekehrte Situation, in der wir uns ganz selbstvergessen, das heißt, ichvergessen dem Leben, den Menschen hingeben. Da sprudeln uns die Gedanke und Einfälle nur so zu.

Doch die Kirche glaubt an die Wirklichkeit dieses Ich, für welches Gott ein Gegenüber, ein Du ist. Auch eine westliche Philosophie, eine herkömmliche Psychologie halten an der Wirklichkeit des Ichs fest.

 

Das Meer, das sich in dem Tropfen erfüllt.

 

Daran - ich muss es sagen - ist ein westlich-östlicher Buddhismus nicht ganz unschuld. Ist doch die Rede von der Auflösung des Ichs, während die menschliche Individualität in dem wesenlosen Nirwana entschwindet. Doch müssen wir hier deutlich unterscheiden. Die Individualität des Menschen schwindet nicht dahin, wenn sich das Ich auflöst. Das genaue Gegenteil ist der Fall; denn das Ich und die Individualität stehen im Widerspruch zueinander. Je mehr sich die Blockaden des Ichs lösen, desto ungehemmter vermögen die individuellen Kräfte des Menschen zu fließen.

Im Advaita Vedanta ist die Rede von dem menschlichen Tropfen, der sich in den Ozean mengt, um darin zu entschwinden. Das sind keine guten Aussichten. Nach all dem Kampf, der Mühe und dem Schweiß, nachdem wir endlich auf dem Höhepunkt unserer menschlichen Entwicklung angelangt sind, sollen wir in dem wesenlosen Meer ertrinken.

Es ist eher so, dass das Meer in den Tropfen eingeht. So blicken wir auf einen Tropfen, der nicht in dem Meer untergeht,  sondern auf einen Tropfen, in dem sich das Meer erfüllt. So ist es das Göttliche, das über den Menschen zu sich selbst erwacht.

Man betrachte das Meer, das sich in Wellen senkt und hebt. Dabei ist keine Welle gleich der anderen. Eine jede von ihnen sprudelt, spritzt und schäumt auf ihre eigene Art. Man denke an einen Fächer, der sich in Falten ausbreitet, wobei eine jede Falte ihre eigene Farbe trägt. Doch sind die Wellen des Meers, mehr noch die Falten des Fächers,  einander sehr ähnlich. Deshalb werden diese Bilder der Einzigartigkeit des menschlichen Individuums nicht gerecht.

 

Die Note, in der die Melodie erklingt

 

Angemessener ist das Bild einer Melodie, die über unterschiedliche Noten erklingt. So eine Note, ein Fis, zum Beispiel, ist ein ganz eigener Ton, der durch keine andere Note ersetzbar ist. Doch ist so ein Fis als einzelne Note nicht einmal eine Note, denn was ist so ein immer gleicher Ton? Keine Note ist das, so ist da auch keine Melodie, in die sich die Note stimmen könnte. Über die Melodie erst kann unser Fis erklingen, immer anders, immer neu. Umgekehrt kann die Melodie nur über die einzelnen Noten erklingen.

Die östliche Philosophie neigt dazu, nur die Melodie zu sehen, in der die einzelne Note entschwindet. Doch muss die individuelle Note sein, weil ohne sie die Melodie nicht zu erklingen vermag. 

So verwirklicht sich die göttliche Symphonie als diese menschliche Note, die im Strom der Musik erklingt - und ich sage erklingt, nicht ertrinkt.

Man blicke auf die erleuchteten Lehrer des Advaita, die diese Seiten umsäumen. Man siehe, wie das Göttliche durch einen jeden von ihnen scheint, in ureigener Art. Das sieht nicht nach geklonter Erleuchtung aus, in der alle menschliche Unterschiede für immer entschwinden. Betrachten wir sie in der aufgeführten Reihefolge.

 

Der Mensch, der sich in das Göttliche stimmt, das in ihm wiederklingt

 

Da ist zunächst Ramana Maharshi, der für viele der größte Guru der Neuzeit ist. Im Alter von 16 Jahren, so wird berichtet, hatte er ein tiefgreifendes Erleuchtungserlebnis. Danach verließ er die menschliche Gesellschaft, um in einer Höhle in der Nähe des heiligen Berges Arunachala zu weilen. Dort fand man ihn, in seligem Samadhi versunken, der Körper von Ameisen und Insekten zerfressen. Man badete ihn und bettete ihn. Als er wieder genesen war, kamen langsam immer mehr Schüler, um zu seinen Füßen zu sitzen.

Dann ist da der feingliedrige Brahmane Ramesh Balsekar, der Direktor der Bank of India war. In einem noblen Viertel von Bombay residierend, scheint er Eleganz und menschlichen Komfort nicht zu scheuen. Sich in so einer Höhle zu verkriechen, ist wohl nicht des Bankdirektors Ding.

Ganz anders der mehr ungehobelt wirkende Nisargadatta, der Zigarettenhändler in der Nähe eines Prostituiertenviertels war, dabei der Kaste der Unberührbaren, der Ausgestoßenen angehörte. Doch ging der Brahmane zu dem Ausgestoßenen, weil ihn die höhere Sehnsucht rief. Als die Blicke sich trafen, so berichtet Ramesh, waren alle Reste von Kasten und Status ausgelöscht. So wurde Ramesh zu seinem Schüler, bis auch sein wahres Wesen, die wahre Natur erwachte, die eins in allen Menschen und doch in einem jeden von ihnen einzig ist.

Nein, es ist nicht deine Bestimmung als ein wesenloser Tropfen zu vergehen. Gott will sich ganz in Dir offenbaren, als diese individuelle Seele, die Du Bist. Da erfüllst du dich in ihm, während er sich in dir erfüllt. So findet sich die höhere Sehnsucht gestillt.

So sehen wir, wie das menschliche Individuum in dem Ganzen aufgeht, um doch ganz sich selbst zu sein, als dieser bestimmte Mensch, der sich in das Göttliche stimmt, das in ihm wiederklingt.

 

Martin Erdmann (Welt der Esoterik 04/05)

 

 

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