Der Atem in den Sprachen der Welt

 

 

Der Lebensodem, der sich mit der Seele eint

 

In  der Überlieferung der Völker, in ihrer Sprache, tritt der Atem immer wieder in Verbindung mit dem Leben auf. So finden sich in dem alten Sanskritwort Prana, in dem modernen Chinesischen Chi (K’i) Atem und Lebenskraft in einem sprachlichen Symbol vereint. Die deutschen Worte Atem und Leben besitzen eine unterschiedliche Wurzel. Doch deckt auch unsere Sprache einen Zusammenhang auf. So sprechen wir von einem „langen“, einem „kurzen“ Atem, reden davon, daß „wir Atem holen“, daß „der Atem stockt“, um ein Aufleben und Versiegen der Lebenskraft zu bezeichnen. Schließlich berichtet ja die Genesis, daß Gott den Menschen aus einem leblosen Klumpen Erde schuf, indem er ihm den „lebendigen Odem“ einblies, ein Wort, das bei Luther immer wieder auftaucht.  Durch das Einhauchen des Lebens empfängt der Mensch gleichzeitig seine Seele.  So sind auch Atem und Seele miteinander verschwistert. Dabei klingt in dem Lateinischen „anima“ (Seele), das Wort „spiramen“ (Atmung), auch „anemos“ (Wind) an, um einen Bedeutungszusammenhang zu stiften. Überdies treten in den bildlichen Darstellungen der frühen Kunst Atem und Seele in Gemeinschaft auf. Man erinnere sich an die antiken Vasenbilder, auf denen wir die Seele des Menschen, einem Vogel gleich, aus dessen Mund entweichen sehen. So hat er seine Seele ausgehaucht, ausgeatmet.

Ein Urwissen ist das, das in dem Mythos lebendig war. Den Kulturvölkern Asiens blieb es bis in die Gegenwart erhalten. So stand in den Religionen des Ostens, in denen das Bewußtsein der Einheit von Geist und Körper fortlebte, der Atem im Mittelpunkt zahlreicher geistiger Wege. Bildete er doch das Tor, den Schlüssel, der zur übersinnlichen Erkenntnis führen sollte.

Auch war dies Wissen im Abendland zunächst lebendig. So finden wir es, in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, in der christlichen „Gnosis„ wieder,  die sich auf die Offenbarungen des Johannes-Evangeliums gründete. Eine Sicht von Atem und Welt war das, die sich dem inneren Menschen erschließen wollte. So wird hier der Atem, auch von seiner sprachlichen Bedeutung her,  mit dem Leben, der Seele, dem Geist, gleichgesetzt. Dabei wird nicht immer eine rechte Unterscheidung zwischen Geist und Seele gemacht, so wie sie der esoterisch Kundige trifft. Doch  leben deutlich das sinnliche und übersinnliche Element des Atems in eins zusammen.

 

Der atemlose Geist des Abendlandes

 

Dabei ging dieses Wissen im Abendland, im Laufe der Zeit, immer mehr verloren. Das Seelisch-Geistige geriet zunehmend zu dem Leiblichen in Widerspruch, dem eine minderwertige Bedeutung in der Existenz des Menschen zukam. Damit löste sich die Vorstellung von dem geistigen Wesen des Atems immer mehr auf, während aus dem Geist der Atem, aus dem Atem der Geist entschwand. So standen sich schließlich eine geistige und eine körperliche Welt gegenüber, getrennt durch zwei Ufer, die keine Brücke verband.

Alles dieses war für die sprachliche Entwicklung nicht ohne Wirkung geblieben, was zunächst an dem Beispiel der griechischen Sprache gezeigt werden soll. Die ursprüngliche Bezeichnung für Atem war hier „pneuma hagion“. Ein modernes griechisches Wörterbuch nennt für „pneuma„ die Entsprechungen „Atem, Odem, Wind, Brise, Hauch, Schnauben“, eine Reihe von deutschen Benennungen also, die synonym verwandt werden, während sie für den einen griechischen Begriff stehen. So wird „pneuma“ mit dem „Odem“, dem „Atem“ wiedergegeben , der bei der Geburt in den Körper einzieht und ihn dann im Sterben – in einem leisen „Hauch“ – verläßt. Das Bild eines milden „Windes“, einer „Brise“ tut sich auf, die sich vom Ozean erhebt, vorüber streicht und dann verweht. So flüchtig ist - in der griechischen Sprachwelt - der Odem, der Atem des Lebens. Doch bezeichnet das griechische Wort auch das „Schnauben“ der Rosse, die unter Peitschenhieben den Wagen des griechischen Bauern ziehen. Die Spannweite des Begriffes ist weit. Ist doch der feurige Atem der Rosse etwas anderes als der milde Hauch, der den Menschen durchweht. Doch haben die zwei Bedeutungen auch ein gemeinsames Band. Dieses ergibt sich daraus, daß sie sich beide auf die Leiblichkeit des Menschen beziehen. Gleich wie der Atem geht -  leise und sanft oder wild und entbrannt – immer durchfließt er die Physis, die leibliche Gestalt, des Menschen.

Wenden wir uns nun dem zweiten Teil des „pneuma hagion“ zu. Dabei bedeutet „hagion“ das „Heilige“, das, was „einer Gottheit geweiht“ ist. Die Bedeutung des „pneuma hagion“ ist demnach unmißverständlich. Es bezeichnet den Atem, das Pneuma, das sich dem Heiligen, dem Hagion, ergeben hat, das sich seinerseits an das Pneuma gibt. Das Göttliche und das Leibliche leben hier in eins zusammen, als die zwei Seiten einer Gestalt gleichsam. Das Bild eines Januskopfes bietet sich an, der mit seinem göttlichen, seinem menschlichen Antlitz in die Einheit des Lebens blickt.

Während nun im Laufe der Zeit sich das Geistige vom Körperlichen abzuspalten begann, geriet auch die begriffliche Einheit des Pneuma Hagion ins Wanken, während der leibliche Aspekt des Wortes zunehmend verdrängt wurde, bis er ganz aus dem ursprünglichen Wortsinn entschwand. So finden wir schließlich in den Übersetzungen   der christlich-dogmatischen Lehre das Pneuma Hagion mit dem Heiligen Geist gleichgesetzt. Richtiger hätte man von einem Gottesatem sprechen müssen; Atemseele, Geistesatem bieten sich ferner an, um den zwei Bestandteilen des griechischen Begriffes gerecht zu werden; denn ein Geist, der sich nicht an das Leben verschenkt, ist ein blutleerer Geist, ein Phantom, das durch die Köpfe der Priester und Gläubigen spukt. So war das lebendige Pneuma Hagion zu einem begrifflichen Gerippe erstarrt, das niemand mehr mit Leben zu füllen wußte.

 

Der geweihte Atem der neuen Zeit

 

Erst in neuerer Zeit beginnen wir uns, auf die ursprüngliche Einheit von Körper und Geist zurückzubesinnen. Ein Umdenken hat stattgefunden, was zum Teil daran liegt, daß sich immer mehr östliches Gedankengut in der westlichen Hemisphäre zu verbreiten begann. So haben wir erkannt, daß der Körper nicht der böse Widersacher ist, den wir in die dunklen Verliese unseres Wesens verschließen müssen. Erst wenn wir den Hund an die Kette legen, wird er wütend. Lassen wir ihn frei laufen, kann er zu unserem treuesten  Gefährten werden. Auch denkt der  wahre Reiter nicht daran, die Bewegungen des Pferdes im Zaume zu halten. Er ist mit ihm zu einer Einheit zusammengewachsen, so daß man nicht mehr weiß, ob er oder ob das Pferd die Bewegungen ausführt, die nun sehr kunstvoll, sehr ästhetisch anmuten. So kann der Geist mit dem Körper zusammenleben, in einer Einheit, in der das eine mit dem anderen, für das andere lebt. Ein Wissen ist das, welches sich in unserer Zeit neu auftut, und es hat bereits seine Wirkungen in der neueren Sprachforschung hinterlassen. So beginnt man wieder, sich auf die ursprüngliche Bedeutung, auf den geweihten Atem zu besinnen, der das Pneuma Hagion durchweht.

Es gibt im Griechischen auch die Begriffe Nus und Logos, die für den Atem, für den Hauch, für Geist, Seele, stehen. Auch werden damit das Wort, die Stimme bezeichnet. Der Begriff Phren steht gleichzeitig für Zwerchfell und Geist, während Phrenes die Gedanken beschreiben. Wieder sehen wir, wie Körperliches und Geistiges in eins zusammenleben.

 

Wo der Atem «nafas», wo er «iki» heißt

 

In den orientalischen Sprachen wird der Atem allgemein synonym mit Seele, Geist gebraucht. Das Arabische kennt das „naf(a)s“, das im Persischen endgültig zu „nafas“, im Türkischen zu „nefes“ wurde, und immer ist der Atem gemeint, der auch die Seele, den Geist, das Wesen bezeichnet. Im Russischen gibt es das Wort „duch“, mit langem „u“ gesprochen, das gleichzeitig den Atem und den Geist beschreibt. Die ägyptische Sprache kennt den Begriff „tjau“, mit langem „a“ und „u“ gesprochen, womit der Atem bezeichnet wird, den der Gott an den Pharao, den König, übertrug, um ihn in sein heiliges Amt einzuweihen; ein wahrer Gottesatem also, mit dem wir es hier zu tun haben. Damit war der Pharao, so könnte man das sagen,  König von des Atems Gnaden.

Was man hier findet, ist nicht allein auf meinem Beet gewachsen. So stellt der letzte Absatz das Ergebnis von Telefonaten dar, die ich mit Kollegen von den verschiedenen Sprachfächern führte. Ein jeder Anruf war ein Volltreffer, nur das Japanische wollte nicht mitmachen. Da heißt der Atem „iki“, mit zwei kurzen „is“  gesprochen. „Ein ganz irdischer Atem ist das, in dem nichts Seelisches, Geistiges zu finden ist“, meinte dazu die Kollegin von der Japanologie. Ich denke an eine Gruppe japanischer Touristen, wie sie „iki, iki“ durch die Straßen ziehen, zierlich mit Händen gestikulieren, wie sie „iki, iki“ lachen, „iki, iki“ atmen. Ich verstehe – das ist nicht der Gottesatem, der aus dem Worte spricht.

Wenden wir uns noch dem „spiritus“, dem lateinische Geist, zu. Da sehen wir, daß dieser in einer Reihe von Sprachen fortlebt, stets in den Worten, die für Atem stehen. So spricht das Spanische von „respiracion“, das Französiche von „respiration“, während das Englischen die „respiration“ kennt, die dem Normannischen entlehnt ist. Dabei ist sich der gewöhnliche Sprecher nicht mehr des geistverwandten Atems bewußt, doch von seiner sprachlichen Wurzel her lebt der Spiritus, der Geist also, in jenen Worten weiter, die den Atem versinnbildlichen.

 

Der Atem, der auf Atma weist

 

Interessant ist, daß die Kriche „spiritus sanctus“ zunächst noch mit dem Althochdeutschen „atum“ übersetzte, einem Begriff, in dem neben dem geistigen auch das körperliche Element des Atems mitschwang. Erst später gelangte die Kirche zu der Übersetzung „Heiliger Geist“, der bald zu einer blutleeren Abstraktion erblasste. Wir sprachen schon darüber. Nun wird man in unserem Wort Atem nicht so etwas wie eine Seele, einen Geist vermuten. Doch entstammt der Begriff dem Althochdeutschen „atum“, das seinerseits eine gemeinsame sprachliche Wurzel mit dem Indischen „atman“ besitzt, das den Atem, das Selbst, mitunter auch Brahman, bezeichnet. So wird von Visvamitra, einem der indischen Urheiligen, berichtet, der zu Indra, dem großen Gott, gelangte. Da sagte er: „Ich möchte dich erkennen.“ Und der große Gott sprach: „Ich bin Atem. Du bist Atem...Alle Wesen sind Atem...Im Atem durchdringe ich alle Räume...

Dabei berichten die vedischen Schriften von Brahman, der sich als Schöpfung manifestiert, die sich dann – nach Äonen von Zeiten – wieder in Brahman zurückeint. So ist ein Schöpfungszyklus einem großen Ausatmen und Einatmen Brahmans gleich. Dabei ist die moderne Physik zu dem Ergebnis gelangt, daß die Welt in der Ausdehnung begriffen ist, um sich dann – nach riesigen Zeitabläufen – wieder zusammenzuziehen. So sieht auch sie einen großen Atem, der das Leben durchweht.

 

Neschamah und Demamah, so heißt der Seelenatem

 

Doch werfen wir noch einen Blick auf das Hebräische, das hier interessante Parallelen aufweist.  Das ursprüngliche Wort für Gott war hier „ruach“, das auch für Geist, für den Wind steht, der sich zu einem Sturm erheben mag. Dabei ist im Alten Testament von dem Propheten Elias die Rede, der die Erscheinung Gottes herbeisehnte. Es wird berichtet, wie sich ein „ruach“, ein Sturm erhob, doch in dem Sturm erschien ihm Gott nicht. Alsdann kam es zu einem großen Erdbeben, doch auch darin erschien Gott nicht. Mit dem Erdbeben breitete sich ein Feuer aus. Doch auch in dem Feuer erschien ihm Gott nicht. Als dann das Feuer ausbrannte, der Sturm sich zur Ruhe legte, trat eine große Stille ein. In dieser erhob sich ein leiser Wind, ein „demamah“, in dem nun Gott erschien. So war es ursprünglich das „ruach“, welches die Gottheit bezeichnete. In der späteren Entwicklung tauchte das Wort „demamah“ auf, welches auf das göttliche Wesen wies, um gleichzeitig den Wind, den Hauch, den Atem zu bezeichnen.

Nun sind ja diese hebräischen Worte sehr lautmalerisch, während der Klang der Worte vernehmlich zu uns spricht.  Dabei, so wird aus der Akasha Chronik berichtet, gab es einmal eine Ursprache, in der das gesprochene Wort eins war mit dem Gegenstand, in dem sich das Wort verkörperte. So sprachen die Erscheinungen der Welt zu dem Menschen, im Winde, mit vibrierenden Lauten, um ihre klingenden Namen zu nennen.  Später ist immer mehr der abstrakte Bedeutungsgehalt des Begriffes in den Vordergrund getreten. Doch  hat sich in der hebräischen Sprache, so meine ich, der erfühlte, der erlebte Sinn des Wortes noch weitgehend erhalten. Man tauche nur einmal in diese Stimmung des Ruach ein, mit diesem „u“, das aus der Tiefe aufsteigt, um sich dann in dem „ach“ zu entladen. Dabei mag man schon so etwas wie einen Sturm erleben, der sich erhebt, sich in die Welt entlädt. Wie anders dieses Demamah, auf der letzten Silbe betont, mit langen „a“ gesprochen. Zweimal ist da das wellende, summende „m“, das sich zweimal in das weite, „a“ öffnet. So mag sich das Bild des säuselnden Windes auftun, aus dem Gott zu Elias sprach. Man könnte denken, daß das Ruach noch den herrschaftlichen, strafenden Gott verkörperte, der mit Überschwemmungen, Stürmen und Feuersbrünsten kam, während das Demamah von dem Gott der Liebe, der Vergebung kündet. In diesem Sinne hatte sich ja das Gottesbild der Menschen im Laufe der Zeit gewandelt. Das gibt zu dem Gedanken Anlaß, daß sich die Bewußtseinsentwicklung der Menschen in diesen so lautmalerischen Worten widerspiegelt. Doch das ist nur eine Hypothese meinerseits, die an weiteren Daten überprüft werden müßte. Einen Beleg mag dabei ein weiteres Wort liefern, das zu dem Demamah hinzutrat; das war das Neschamah, ebenfalls auf der letzten Silbe betont, zweimal mit einem langen „a“ gesprochen, verbunden durch das summende „m“. Das Wort steht wieder für Seele, Lebensodem, Atem, Geist, und man fühlt, daß darin eine Stimmung west, ganz ähnlich dem Erleben, das uns aus dem Demamah entgegenweht. Ich habe Lust auf die Worte zu meditieren, dem Atem der Klänge nachzuspüren. Sprache kann etwas sehr Lebendiges sein.

Das war nun ein kleiner Streifzug durch die Welt der Sprache, und sicherlich könnte man hier lange fortfahren. Doch ich denke, es genügt, wenn wir eine Intuition für den inneren Zusammenhang von Atem und Geist gewonnen haben, um zu sehen, wie sich dieser in der Symbolik der unterschiedlichen Sprachen spiegelt.

 

Das Doppelantlitz des Atems

 

Das Eigentliche ist mit diesen Untersuchungen noch nicht geschehen. So weit man diese Ausführungen auch fortsetzen mag, wir befinden uns immer in dem Reich der Wissenschaft. So interessant, so nützlich diese – richtig eingesetzt – auch sein mag, das Wesen der Dinge vermag die Wissenschaft nicht zu ergründen. Wir gehen immer von außen an den Gegenstand der Betrachtung heran, um diesen zu umkreisen. Mit ihm in Berührung treten, das tun wir eigentlich nicht. Das geschieht erst, wenn wir uns mit dem Gegenstand unserer Anschauung verbinden, in ihn eintreten, um selber zu dem Gegenstand der Betrachtung zu werden. Das ist das eigentliche Wissen, das uns die Tat der Meditation zu schenken vermag. Es reicht nicht, wenn wir nur über den Atem nachsinnen, wir müssen in ihn einkehren, seines Wesens inne werden, um wahrhaft zu verstehen.

Dabei nimmt der Atem eine besondere Stellung in unserem Dasein ein, wenn wir ihn einmal mit den übrigen Lebensprozessen vergleichen. Die letzteren lassen sich leicht in zwei Arten von Vorgänge unterteilen, einmal in die Lebensabläufe, die dem Menschen bewußt sind, dann in die Lebensprozesse, die ihm unbewußt sind. So verlaufen die Tätigkeiten unserer Organe, von Magen, Niere, Leber, ganz unbewußt. In den Gedanken aber, die wir ausbilden, in den Taten, die auf die Gedanken folgen, sind wir bewußt anwesend. So spricht auch die Wissenschaft allgemein von den unbewußten und den bewußten Lebensvorgängen des Menschen. Dabei vergißt sie leicht, daß es noch ein Drittes gibt, das hier eine Sonderstellung einnimmt, und dieses Dritte ist der Atem, der sowohl den bewußten als auch den unbewußten Lebensvorgängen angehört.  So fließt der Atem von selber, ganz unbewußt dahin, wenn wir ihm keine Beachtung schenken. Doch können wir auch unsere Aufmerksamkeit  auf den Atem lenken, um ihn bewußt zu kontrollieren. So kann man sich dazu entschließen, schneller zu atmen, langsamer zu atmen, für einige Augenblicke den Atem ganz anzuhalten, um ihn dann wieder frei fließen zu lassen, während wir uns einer anderen, vermeintlich wichtigeren, Tätigkeit zuwenden.

Dabei ist nur der Mensch in der Lage, seinen Atem bewußt zu kontrollieren. Man stelle sich einmal einen Hund vor, der sich bemüht, für eine  Minute die Luft anzuhalten, dabei merkwürdig mit den Augen kullert, weil es ihm so schwer fällt. Vielleicht mußt du nun schmunzeln, weil das Bild nicht in deine Lebenswelt paßt. Das Tier ist eben zu einer bewußten Kontrolle des Atems nicht fähig. Das ist das ausschließliche Privileg des Menschen. So kann auch nur der Mensch den Atem nutzen, um die innere Verwandlung zu vollbringen. Dabei gibt es eine wachsende Zahl von Methoden, die sich alle auf den Atem gründen. Ganze Schulen sind um den Atem enstanden, wobei sie sich in Streit befinden, welches denn nun die beste Methode sei. Das ist bei Schulen so üblich, weil sie eben Schulen sind.

 

Im Atem wachen, erwachen

 

Meinerseits bediene ich mich einer ganz einfachen Methode, um mich in das Wesen des Atems zu stimmen. Das sieht nun so aus. Wir sahen bereits, daß der Atem auch ohne unser Zutun dahinfließt, daß wir ihn auch der bewußten Kontrolle unterwerfen können. Das Wesen der Methode besteht nun darin, weder das eine, noch das andere zu tun, den Atem also nicht unbewußt dahinfließen zu lassen, ihn auch nicht bewußt zu kontrollieren. Es geht vielmehr darum, daß wir bewußt in den Atem eintauchen, ohne in seinen Fluß einzugreifen. So lassen wir den Atem einfach fließen, geschehen, während wir in diesem Geschehen doch ganz bewußt anwesend sind. So mag die Empfindung entstehen, daß du es bist, der den Atem bewirkt, dabei der Atem doch von selber, ganz ohne dein Zutun, dahinfließt.

Stelle dir vor, daß du ein Schilfrohr bist, eines von den vielen Schilfrohren, die am Rande eines Sees stehen. Ein Wind erhebt sich, so erlebst du, wie der Wind dich bewegt, nach vorne, nach hinten der Wind dich bewegt als das Rohr, das du bist. Nun stelle dir vor, daß du auch dieser selbe Wind bist, daß du Wind und Rohr zugleich bist. So bist du es, der die Bewegung bewirkt, während du doch von dem Wind bewegt wirst.

Eine geistige Erfahrung ist das, die du mit dem Atem machen kannst. Während du bewußt in den Atem eintauchst, steigt die Empfindung auf, daß nicht du das Atmen bewirkst, daß der Atem von selber geschieht. Das heißt, nicht du atmest, sondern es atmet dich. Doch hast du auch die Empfindung, daß du den Atemvorgang vollziehst, während du in dem Fließen des Atems anwesend bist.

Eine Geistesstimmung ist das, die sich auf das ganze Leben ausbreiten kann. So kannst du während des Tages die Erfahrung machen, daß alles wie von selber geschieht, das Autofahren, das Geschirrspülen, die großen und die kleinen Taten deines Lebens, all das geschieht von selber, ohne daß da jemand wäre, der dem etwas hinzufügen könnte. Das gilt für alle Handlungen des Lebens, für das Sprechen so wie für das Zuhören. So lassen wir, wenn wir Satsang hören, die Gedanken einfach einfließen, während wir sie doch bewußt in uns hervorbringen. Nur so können sie zu unseren eigenen Gedanken werden, die uns doch nicht gehören, weil sie ohne unser Zutun kommen und auch wieder gehen. So bist du es, der all die Gedanken und Taten bewirkt. Dabei tust du doch nichts, weil es einfach so geschieht. So bist du ganz passiv und aktiv zugleich. Ein Widerspruch ist das, der nur Widerspruch der Sprache, nicht Widerspruch des Lebens ist, in dem sich die Gegensätze der Worte einen. Sprache ist das, was aus der Wirklichkeit des Seins herausgefallen ist. So unterscheidet sie, wo das Leben keine Unterschiede trifft.

 

Der Atem – ein Tor zum Selbst

 

So sind wir also ganz passiv und aktiv zugleich, eine gelassene Ruhe ist das, die uns durchströmt, während wir doch wach und aufmerksam sind, zu immer neuen Taten bereit. So mag sich eine Intuition für das Selbst auftun, das nichts tut, während es doch alles bewirkt. Auf einer tieferen Ebene werden wir des göttlichen Wesens inne, das die Schöpfung hervorbringt, während es doch regungslos in sich harrt, in der Stille, die bereits die Fülle ist, so daß es nichts zu vollbringen gibt. So mag der Atem, geistig erlebt, die Gegensätze der Sprache aussöhnen, die Gegensätze, die Wunden aufreiben, die bluten. So mag uns der beseelte Atem in die göttliche Einheit führen, die heilt.

Es nimmt deshalb nicht Wunder, daß das Wort für Gott, für Seele, für Geist und Atem dasselbe ist, in so vielen Sprachen der Welt.

Amen            Atmen            Amen

 

 

Martin Erdmann (Connection)

 

 

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